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Samstag, 10. September 2011

Neues Interview mit Saskia Wendel

Prof. Dr. Saskia Wendel
Saskia Wendel, Initiatorin des Theologen und Theologinnen-Memorandums und ausgewiesene Expertin für Gender- und Genderinnen-Theologie, hat in einem aktuellen Interview mit "ZOMBIE - das Magazin für Kirchenreform" den Zusammenhang zwischen dem norwegischen Amoktäter Anders Breivik und konservativen katholischen Kreisen bekräftigt, den sie bereits an anderer Stelle vorgetragen hatte.


ZOMBIE: Liebe Frau Wendel, erlauben Sie mir zunächst einmal ganz persönlich Ihnen meine Bewunderung für Ihren beispiellosen Mut auszudrücken. Ihr Kampf für eine Reform der Kirche findet in unserer Gruppe "Jugend für den Aufbruch" uneingeschränkte Unterstützung; wir kämpfen seit Jahren ...

WENDEL: Vielen Dank ...

ZOMBIE: ... für das Ende der sexuellen Repression in der Kirche. Mit "Humanae Vitae" hat es angefangen. Es braucht Leute wie Sie, damit jetzt endlich ...

WENDEL: Ja, ja, vielen Dank ...

ZOMBIE: ... etwas passiert. Erst gestern habe ich zu meiner Frau gesagt: Saskia Wendel ist eine wirkliche Hoffnungsträgerin. Ich habe einfach keine Lust mehr, mir von denen in Rom unter die Bettdecke schauen zu lassen!

WENDEL: Ja, sicher, ganz richtig - aber vielleicht stellen Sie mir jetzt einmal eine Frage ...

ZOMBIE: Das wäre ja schon meine erste Frage: Woher nehmen Sie diesen Mut, so völlig gegen den Strom des Zeitgeistes zu schwimmen?

WENDEL: Ohne den Zuspruch so vieler  Geschwister aus den Reihen der katholischen Reform-Bewegung wäre das für mich gar nicht aus- und durchzuhalten. Ich habe seit dem ZEIT-Interview schon mindestens zwei Briefe erhalten, in denen gerade junge Leute mir ihre Unterstützung zugesagt haben ...

ZOMBIE: Das freut mich ausserordentlich - ganz im Vertrauen: Meine Frau und ich haben Ihnen auch geschrieben.

WENDEL: Oh, das ist jetzt aber ...

ZOMBIE: Haben Sie keine Angst vor Repressionen durch die Amtskirche?

WENDEL: Sicher würde sich der eine oder andere freuen, wenn man meine Befähigung als katholische Theologin in Zweifel ziehen könnte. Aber da werden sie sich die Zähne ausbeissen - ich veröffentliche fast nichts - und wenn, dann hat es mit Theologie in der Regel nichts zu tun.

ZOMBIE: Sie meinen also, es könnte Bestrebungen geben, Ihnen die kirchliche Lehrerlaubnis zu entziehen?

WENDEL: Ich habe da jetzt keine ganz konkreten Hinweise, aber so etwas passiert ja ständig, dass kritische Theologinnen und Theologen mundtot gemacht werden. Denken Sie nur an das jüngste prominente Opfer römischer Willkür, meinen Kollegen Hans Küng ...

ZOMBIE: Richtig, das ist noch nicht lange her. Für meine Frau und mich war der Fall Küng 1980 eine Art Initialzündung. Wir waren damals junge Leute von knapp 40 Jahren und haben uns gesagt: ab jetzt lassen wir uns von denen in Rom nicht mehr unter die Bettdecke schauen. Seitdem arbeiten wir mit unserer Gruppe "Jugend für den Aufbruch" dafür, dass sich in der Kirche etwas bewegt.

WENDEL: Sehr verdienstvoll ...

ZOMBIE: Kommen wir auf den Sprengstoff zu sprechen, der in Ihrem Interview mit der ZEIT liegt. Sie haben den katholischen Traditionalisten dort endlich mal die Maske vom Gesicht gerissen und dabei auch den Staat in die Verantwortung genommen ...

WENDEL: In der Tat! Wenn sich der Verdacht erhärten sollte, dass es zwischen Breivik und den traditionalistischen Gruppen unterirdische Verbindungen gibt, sehe ich keine andere Möglichkeit als ein energisches Eingreifen staatlicher Stellen. Überhaupt muss man viel offener die Frage diskutieren, ob der Staat vor Dingen wie dem Zölibat oder der Alten Messe weiterhin die Augen verschliessen kann. Bisher gibt es ...

ZOMBIE: Schon Paulus sagt ja: Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit ...

WENDEL: ... bisher gibt es noch keine eindeutigen Beweise für diese Verbindungen, aber ich habe mir sagen lassen, dass der SPIEGEL ein Team mit 12 Journalisten auf die Sache angesetzt hat. Die Wahrheit wird also ans Tageslicht kommen.

ZOMBIE: Man will ja nichts beschreien, aber ist es denn auszuschließen, dass es solche Verbindungen auch zwischen Breivik und hochrangigen Leuten in Rom gegeben hat? Breivik war Freimaurer und ich habe mir sagen lassen, dass Kardinal Ratzinger seinerzeit einen Kulturpreis dieser Leute angenommen hat.

WENDEL: Nun, das war Hans Küng ... aber kommen wir wieder auf unser Thema zurück ...

ZOMBIE: Der deutlichste Hinweis auf Breiviks Verbundenheit mit katholisch-konservativen Kreisen ist ja sein Lob für den "Reichtum der katholischen Liturgie".

WENDEL: Ganz richtig. Klarer kann man den Geist des Konzils kaum leugnen als mit dieser Parole vom angeblichen "Reichtum der Liturgie". Die Liturgie muss ja im Gegenteil arm sein - nur so entspricht der Gottesdienst der Bergpredigt und damit auch dem Motto der Reformbewegung: Selig, die arm sind im Geiste!

ZOMBIE: Frau Wendel, ich möchte noch auf ein aktuelles Thema eingehen. Sie haben sich durch das seinerzeitige Verbot von Bischof Fürst nicht abschrecken lassen und führen jetzt ausserhalb der Diözese Rottenburg-Stuttgart die Veranstaltung "Let's think about sex" durch.

WENDEL: Die Enttabuisierung dieses Themas im kirchlichen Raum ist neben der Gender-Theologie ein zentrales Anliegen meiner wissenschaftlichen Bemühungen. Sex ist etwas ganz Natürliches.

ZOMBIE: Eben, schließlich hat Gott uns als Mann und Frau geschaffen.

WENDEL: So einfach ist das nun auch wieder nicht - "Mann" und "Frau" sind keine biologischen Begriffe, sondern vor allem kulturelle Festlegungen, von denen wir uns befreien müssen. Die offizielle Lehre der Kirche muss diese bahnbrechenden Erkenntnissen der Gender-Forschung endlich zur Kenntnis nehmen. An unserer Fakultät planen wir deshalb die Einrichtung eines Lehrstuhls für vergleichende homo-, hetero- und transanimalische Mainstreaming-Theologie.

ZOMBIE: Hochinteressant - wichtig scheint mir dabei zu sein, dass wir uns von Rom nicht länger unter die Bettdecke schauen lassen ...

WENDEL: Also, Herr Wiesner, ich habe den Eindruck, ...

ZOMBIE: Frau Wendel, wir bedanken uns für dieses Interview!

Donnerstag, 26. Mai 2011

Die "Memorandisti" und die Theologie

Man kann über das „Memorandum Freiheit“ so manches sagen, und vieles ist in den letzten Tagen bereits gesagt worden. Man kann - vielleicht sogar als Bischof – die eine oder andere Forderung der Autoren und Unterzeichner für richtig halten. Was man aber keinesfalls – und ganz bestimmt nicht als Bischof –behaupten kann: es sei das Werk von „Menschen mit Kompetenz“. In Bezug auf ein Theologen-Memorandum kann „Menschen mit Kompetenz“ wohl nur bedeuten: „Menschen mit theologischer Kompetenz“. Genau diese theologische Kompetenz fehlt dem Dokument jedoch in eklatanter Weise. 

Die Verfasser und Unterzeichner besitzen offensichtlich keine kirchengeschichtliche Kompetenz, sonst könnten sie im Land der Reformation nicht behaupten, die deutsche Kirche habe im Jahr 2010 eine beispiellose Krise erlebt. 

Sie besitzen auch keine religionssoziologische Kompetenz, sonst könnten sie nicht behaupten, die im Jahr 2010 aus der Kirche Ausgetretenen hätten „der Kirchenleitung die Gefolgschaft gekündigt“ (warum eigentlich nur der Kirchenleitung und nicht auch den Theologen?), denn der Kirchenaustritt ist in aller Regel der Endpunkt eines schleichenden Prozesses des Glaubensverlustes und der an diesen Glauben geknüpften kirchlichen Bindung.

Sie besitzen auch keine liturgische Kompetenz, sonst könnten sie nicht behaupten „Die Liturgie lebt von der aktiven Teilnahme der Gläubigen“. Denn nur umgekehrt wird ein (theologischer) Schuh daraus: „Die Gläubigen leben von der aktiven Teilnahme an der Liturgie“.

Am deutlichsten jedoch wird die mangelnde theologische Kompetenz der Verfasser des Memorandums dort, wo es um das Grundverständnis jener Kirche geht, über die sie sich so fürsorglich Gedanken machen. „Die Kirche ist kein Selbstzweck“ lautet ein zentraler Satz des Textes. Das klingt gut und auf den ersten Blick vielleicht sogar einleuchtend. Der Satz ist aber theologisch schlicht falsch. In der Kirche geht der auferstandene Herr durch die Geschichte, sie hat dadurch Anteil am Reich Gottes und seiner ewigen Selbstzwecklichkeit. Das II. Vatikanische Konzil formuliert diesen Sachverhalt in der Konstitution „Lumen Gentium“ bereits im Einleitungskapitel folgendermaßen: „Sie war schon seit dem Anfang der Welt vorausbedeutet; in der Geschichte des Volkes Israel und im Alten Bund wurde sie auf wunderbare Weise vorbereitet, in den letzten Zeiten gestiftet, durch die Ausgießung des Heiligen Geistes offenbart, und am Ende der Weltzeiten wird sie in Herrlichkeit vollendet werden. Dann werden, wie bei den heiligen Vätern zu lesen ist, alle Gerechten [...] in der allumfassenden Kirche beim Vater versammelt werden“ (LG 1,2).

Besonders deutlich wird die Zweckfreiheit der Kirche dort, wo sie sich in der Feier der Eucharistie selbst vollzieht. Das „Innen“ der Kirche (das gläubige Leben aus dem Gebet und den Sakramenten als Teilhabe am Reich Gottes) kommt im Memorandum jedoch nicht vor – ohne dieses „Innen“ ist das wortreich beschriebene „Außen“ (das gesellschaftliche Engagement für Gerechtigkeit, Menschenrechte und Solidarität) aber nicht denkbar – der zweckfreie innere Selbstvollzug ist die unabdingbare Voraussetzung für jede äußere Aktivität. Natürlich hat die Kirche auch eine Sendung und einen Auftrag – einen „Zweck“ hat sie nicht.

Ein weiterer kurzer Satz des Dokumentes offenbart die theologische Ahnungslosigkeit seiner Verfasser: „Nur wenn Selbst- und Fremdbild der Kirche nicht auseinanderklaffen, ist sie glaubwürdig“. Sieht man einmal davon ab, dass nicht „die Kirche“ glaubwürdig sein kann, sondern nur die Menschen in ihr glaubwürdig Zeugnis von der frohen Botschaft ablegen können, verschlägt einem das Ausmaß an spießigem Säkularismus den Atem, das sich in dem Wunsch nach Übereinstimmung von „Selbstbild“ und „Fremdbild“ ausdrückt. Wie könnte jemand, der der Kirche nicht angehört, also „fremd“ von außen auf sie schaut, ihr Selbstverständnis teilen? Wenn er es aber teilt, wie könnte er ihr „fremd“ bleiben? Die Kluft zwischen Selbst- und Fremdbild der Kirche entspricht letztlich der Spannung zwischen demjenigen, der von sich sagt „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ und all denen, die diesen wahrhaft provokanten Anspruch zurückweisen - bis hin zum Ruf am Karfreitag: „Kreuzigt ihn“. Wer diese Spannung beseitigen möchte, träumt von einer Institution, die sich als nützliches Glied in den Organismus von Staat und Gesellschaft integriert und nach der Melodie derjenigen spielt, die dort den Taktstock schwingen. Das mag für den vorübergehenden Erhalt staatlich finanzierter theologischer Lehrstühle hilfreich sein – mit der Kirche Jesu Christi hätte es wenig zu tun.

Wenn das Memorandum „Kirche 2011“ Ausdruck der theologischen Kompetenz jenes Dialogprozesses ist, den Bischof Bode und seine Mitbrüder angekündigt haben, sollte man ihn absagen und den deutschen Katholiken eine Novene zum Heiligen Geist ans Herz legen – vielleicht ganz allgemein eine gute Alternative zum wohlfeilen Geschwätz von der „Krise der Kirche“: Tacere, adorare.

Dieser Beitrag wurde zunächst auf "kath.net" veröffentlicht.