Samstag, 10. Januar 2015

Was ist und was darf Satire?

Theodor Haecker -
Meister der christl. Satire
Der Bloggerkollege Geistbraus hat sich kritisch mit meinem Beitrag "Ich bin NICHT Charlie Hebdo" auseinandergesetzt. Ihm passt es nicht, wenn ich schreibe, dass "Christen grundsätzlich mit den religiösen Vorstellungen und Gefühlen ihrer Mitmenschen respektvoll umgehen" und interpretiert diese Aussage wohl als eine Art "General-Satire-Verbot in religiösen Fragen".

Das liegt mir fern. Ich bin nur schlicht nicht bereit, die Karikaturen von Charlie Hebdo als Satire zu akzeptieren. Und wenn man sie nicht als Satire akzeptiert, dann sind es eben nur ein paar Bildchen, die auf den religiösen Anschauungen und Gefühlen einer Minderheit herumtrampeln. Zotig, billig, wertlos. Auf jeden Fall etwas, was ein Mensch mit Anstand, und erst recht ein Christenmensch nicht tut.

Nun kann man einwenden, wie ich denn dazu komme, diesen Karikaturen das Attribut "Satire" abzusprechen - und schon ist man bei der eigentlichen Frage: Was ist Satire?

"Eine Spielart des Humors" wäre vielleicht eine erste Annäherung. Aber Vorsicht: Humor (das wörtlich "Feuchte") verbindet Menschen anstatt sie zu verletzen. Der Humor lässt die Scham bedeckt, die Satire stellt sie aus. Bei Licht besehen hat die Satire mit dem Humor also nur das Lachen gemein, auf das sie abzielt. Aber erneut Vorsicht: das Lachen ist ein doppeldeutig' Ding. Es gibt nicht nur das befreiende Lachen in fröhlicher Runde, es gibt auch das Lachen des SS-Manns über sein Opfer, das er erniedrigt. Mit Humor und Lachen kommen wir wohl nicht weiter.

Satire ist Kritik im Modus des Bloßstellens. In ihr sind die Elemente der Aggression, der Verletzung, der Gewalttätigkeit und (ja auch das!) des Hasses. Das ist der Grund, warum sich viele Christen seit jeher schwer tun mit der Satire: sie scheint der Liebe zu widersprechen. Und das nicht nur ganz allgemein - im Sinne eines Duktus - sondern ganz konkret, denn Satire geht "ad personam". Sie verletzt auch ganz konkrete Menschen, denen gegenüber der Christ doch zur Nächstenliebe verpflichtet ist.

Wie ist Satire also (christlich) zu rechtfertigen? Nur dann, wenn in ihr die Liebe zur Wahrheit das entscheidende Moment ist. "Satire trennt das Echte vom Unechten", sagt Theodor Haecker, der große christliche Satiriker des 20. Jahrhunderts. Oder anders ausgedrückt: sie ist Feuer, in dem nur das Gold bestehen bleibt. Christlich kann ein solches Feuer nur das Feuer der Liebe sein, in dem auch der Herr selbst die Menschen reinigt.

So wird der Christ Satiriker immer nur sein können mit Zittern und Zagen und unter ständiger Selbstprüfung. Ist es wirklich die Liebe zur Wahrheit (und der Hass auf die Lüge), die ihn treiben oder nicht doch das Ressentiment, die Freude an der Verletzung oder gar nur die Lust an der Wirkung einer schönen Formulierung?

Wenn die Frage nach der Liebe ein rein subjektives Kriterium ist (nur der Satiriker selbst kann es in seinem Gewissen prüfen), gibt es doch auch ein objektives. Nie wird echte Satire von oben nach unten schlagen, sondern immer von unten nach oben. Die vermeintlich Mächtigen, die Möchtegern-Großen, die Lautsprecher und die "Stars" sind das Ziel echter Satire. Ein Schiller wird keine Satire auf einen erfolglosen Dichter schreiben, aber ein Theodor Haecker konnte sie auf einen Thomas Mann schreiben (und was für eine!).

Kehren wir noch einmal zurück zu unserem Ausgangspunkt und dem Thema dieser Tage: Taugt "der Islam" als Gegenstand von Satire? Sicher der Islamist, er ist ja der Prototyp des "Gernegroß"; aber "der Islam" und "die Moslems"? Ich habe meine Zweifel. Liegt diese Religion nicht eigentlich schon genug am Boden? Sind ihre Anhänger in der Masse nicht eine Gruppe von Deklassierten? Eine latent randständige Minderheit in den westlichen Ländern und von Potentaten und Räuberbanden ausgenutzt im Nahen Osten und in Nordafrika?

Richten wir unsere Satire nicht besser gegen jene, die auf der Flamme der islamistischen Terroristen ihr Süppchen kochen - sei es das der hohlen Phrasen von Multikultur, Meinungsfreiheit und Toleranz oder der unverhohlenen Religionsfeindlichkeit?

Kommentare:

  1. Danke für diesen Artikel: ganz hervorragend geschrieben.
    (Und - weniger wichtig - mir aus dem Herzen gesprochen.)
    Jetzt verlinkt: http://rosenkranzbeten.info/rosenkranzbeten/die-sache-mit-dem-lachen/

    "Satire" ist dann kompromittiert, wenn sie die Meinung der Mehrheit in höhnisches Gelächter über Minderheiten kanalisiert.
    In unserer Kultur werden NUR noch Witze über Minderheiten gerissen und die selbstgefällige Masse gröhlt und bestätigt sich selbst.
    Wie Du richtig sagst, sind Moslems in unseren westlichen Gesellschaften "Deklassierte" und das nicht erst seit 9/11 und George Bush.

    Die Kunst von Tucholsky und Co. hatte nicht den "mainstream" hinter sich, der "Stürmer" schon!
    Besonders kritisch wird es, wenn sich "Satiriker" als Meinungsführer und Avantgarde fühlen (können) - auch dann trennen sie das "Echte vom Unechten", allerdings zulasten des Echten.

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  2. Sie sprechen mir aus der Seele! Zumindest treffen Sie sehr schön einen gewaltigen Teil der Umstände, unter denen ich meine eigenen Versuche katholischer Satire fabriziere, und die die Ursache dafür sind, daß ich das meiste, was ich davon schreibe, wieder lösche und somit die "Tiberente" sehr unregelmäßig erscheint.

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    1. Ja, das geht mir ganz genauso - manchmal schreibt man gar nicht fertig und oft veröffentlicht man nicht. Das ist der Grund, warum ich meistens abends schreibe und die Veröffentlichung für den nächsten morgen einstelle. Nicht selten lösche ich dann am nächsten Morgen rechtzeitig.

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  3. Gratias agimus! - Das weitaus beste, was ich in der "Je-suis-Charlie"-Affäre bisher gelesen habe!

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  4. So sehr ich dem 6. und 7. Absatz zustimmen kann, so sehr stört mich das, was danach kommt. Ich habe das Gefühl, Sie widersprechen sich selbst - zuerst sagen Sie korrekt, Satire ziele auf die Wahrheit, dann jedoch, Satire dürfe nur auf die Mächtigen zielen. Das greift mir zu kurz. Auch der König kann bisweilen gegenüber dem Bettler die Wahrheit haben. Um der Wahrheit willen sind alle Konstellationen möglich. Vor allem aber: Satire, die ein ander Ziel hat als die Wahrheit - nämlich konkrete Feindbilder - ist lahm. Das habe ich ja bei mir drüben weiter ausgeführt. Darum richtet sich gute Satire nicht gegen Terroristen, Muslime, Multikulti-Fuzzis oder Islamfeinde, sondern gegen ALLE - für die Wahrheit und für Gott.

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    1. Ja, der König kann Recht haben - aber schreibt er eine Satire auf seinen Untergebenen? Ich kenne nichts Gelungenes dieser Art, bin für aufklärende Beispiele aber natürlich offen.

      Aus einer guten Satire kann sicher jeder "etwas mitnehmen". Aber führt sie dieses Allgemeine nicht in der Regel am Konkreten durch? Das war es, was ich meinte. Auch Ihre letzte Satire auf Mohammed und die Terroristen hat konkrete Personen zum Gegenstand ...

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    2. Diese Satire der Titanic von 2010 über die Pleite-Griechen finde ich ziemlich gelungen. Aber natürlich geht es dabei nicht darum, auf die Griechen einzuprügeln. Es wird auf alle eingeprügelt.

      Entsprechend gab es auch in meiner Mohammed-Satire genügend anarchische bzw. hermetische Elemente, die sich nicht so ohne weiteres deuten lassen. Okay, Mohammed ist ein Weichei. Aber Ali kommt eigentlich ganz gut rüber. Und wen wollte ich wohl mit dem kauenden Todesengel Asrael kritisieren? Und warum zitiert Osama bin Laden Faust II? Da sind viel zu viele absurde Elemente drinnen, als dass man sagen könnte, es handele sich in Bausch und Bogen und eine islamkritische Satire.

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    3. Danke für das Beispiel!

      Haben wir uns mal wieder missverstanden? Ich hatte auf Ihre Mohammed-Geschichte ja nicht verwiesen, um Ihnen "Islamkritik" vorzuwerfen, sondern um zu illustrieren, dass Satire, auch wenn sie in gewisser Weise "auf alle" zielt, doch meist bei konkreten Personen ansetzt.

      Ansonsten völlig einverstanden: Satire gewinnt ungemein durch Subtilität im Detail!

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  5. Die Unterwerfung schreitet voran. Da geraten ein paar Mohammedaner mitten in Europa in einen Blutrausch, töten 17 Menschen und wir diskutieren verschämt darüber, ob die Opfer sie vielleicht doch irgendwie provoziert haben könnten.

    Die Frage darf nicht lauten "Was ist und was darf Satire" sondern wir müssen uns fragen, was das alles mit dem Islam zu tun hat.

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    1. Ich diskutiere nicht verschämt - ich weigere mich nur, mir von den falschen Leuten die Welt erklären zu lassen.

      Und ja, ih bin in der Tat nicht der Meinung, dass der Islam die wesentliche Bedrohung ist. Die geht von jenen Leuten aus, die solche Dinge instrumentalisieren, um jede Art von Religion zu diskreditieren.

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  6. "Auch der König kann bisweilen gegenüber dem Bettler die Wahrheit haben."

    Das ist wahr, aber der König bedarf dabei nicht der Satire.

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  7. Mal eine naive Frage: Sind die Filme Don Camillo und Peppone Satire? Wenn ja, gut gemachte? Ich schmunzle zumindest häufiger.

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    1. Ich würde die filme wohl nicht als Satire einordnen, sondern eher als "Komik mit satirischen Elementen". Der Gesamtduktus ist ja sehr freundlich und eben nicht kritisch. Dass beide Seiten mit einem letztlich liebevollen Blick betrachtet werden, ist damit ja nicht geleugnet.

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    2. Der liebevolle Blick ist in der reinen kritischen Satire also gar nicht möglich?

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