Dienstag, 10. Dezember 2013

Evangelii Gaudium

Der Hl. Vater macht es einem bei der Lektüre seiner Exhortatio nicht einfach. Damit meine ich nicht nur die Länge des Textes, sondern auch die Art und Weise, wie er bestimmte Dinge formuliert. Was natürlich nicht heißen soll, dass das Lehrschreiben nicht sehr schöne und unmittelbar ansprechende Passagen enthält.

Als eingefleischter Freund der kirchlichen Lehre und einer angemessenen Liturgie bin ich aber z.B. an Punkt 95 hängengeblieben. Der Papst beschreibt in den beiden vorhergehenden Punkten eine "spirituelle Weltlichkeit", die er offensichtlich ganz schlimm findet. Er hält sie entweder für "Gnostizismus" oder "einen selbstbezogenen und prometheischen Neu-Pelagianismus" (94). In Punkt 95 sagt er dann konkreter:
"Diese bedrohliche Weltlichkeit zeigt sich in vielen Verhaltensweisen, die scheinbar entgegengesetzt sind, aber denselben Anspruch erheben, 'den Raum der Kirche zu beherrschen'. Bei einigen ist eine ostentative Pflege der Liturgie, der Lehre und des Ansehens der Kirche festzustellen, doch ohne dass ihnen die wirkliche Einsenkung des Evangeliums in das Gottesvolk und die konkreten Erfordernisse der Geschichte Sorgen bereiten. Auf diese Weise verwandelt sich das Leben der Kirche in ein Museumsstück oder in ein Eigentum einiger weniger".
Sicher nicht nur bei mir lenkt die Formulierung von der "ostentativen Pflege der Liturgie und der Lehre" die Gedanken in Richtung ganz bestimmter Gruppen innerhalb der Kirche. Und ich frage mich im nächsten Schritt, woher der Hl. Vater denn so genau weiß, dass die Mitglieder dieser Gruppen sich nicht um die "Einsenkung des Evangeliums in das Gottesvolk" sorgen?

Nun könnte man antworten, es ginge dem Papst eben darum, vor bestimmten Fehlentwicklungen in diesen Gruppen zu warnen. Aber ginge das nicht auch anders? Und passt diese Art von "Schubladen-Denken" gerade in Kombination mit konkreten Häresie-Begriffen ("Neu-Pelagianismus") zu dem Anspruch, das Evangelium so zu verkünden, dass sich niemand ausgeschlossen fühlt? Müssen sich nicht alle diejenigen (und ich meine sehr viele solche Menschen zu kennen) herabgesetzt fühlen, die gerade aus der Sorge um die Evangelisierung Liturgie und Lehre pflegen?

Warum formuliert er diese Passage nicht z.B. so:
"Es ist gut, die Liturgie und die Lehre zu pflegen und um das Ansehen der Kirche besorgt zu sein. Dies darf aber nie getrennt sein von der Sorge um die wirkliche Einsenkung des Evangeliums in das Gottesvolk. Andernfalls droht die Gefahr, dass das Leben der Kirche sich in ein Museumsstück verwandelt und zum Eigentum einiger weniger wird".
Oder will er eigentlich doch sagen, dass die "Pflege von Liturgie und Lehre" kein Gut darstellt oder gar per se im Widerspruch zur "wirklichen Einsenkung des Evangeliums in das Gottesvolk" steht? Etwa, weil die Kirche nur dann Kirche im Sinne des Papstes ist, wenn man auch ihrer Liturgie und Lehre ein gewisses "Verbeult- und Verschmutzt-Sein" ansieht? Oder braucht man diese scheinbare Unversöhnlichkeit von "Pflege von Liturgie und Lehre" auf der einen und "wirklicher Evangelisierung" auf der anderen Seite vielleicht als Klischee, um diese Gruppen (weiter) zu delegitimieren?

Fragen über Fragen ...

Kommentare:

  1. Auch ich habe an dieser Stelle gestutzt, habe sie zwei-, dreimal gelesen. Mir scheint es wirklich so, als habe der Heilige Vater tatsächlich ein Vorurteil gegenüber denjenigen, denen die Liturgie, oder auch die Tradition (oder gar beides) am Herzen liegt. Mir scheint es, als meine er, dass es diesen Gläubigen nur um Sentimentalitäten, um Nostalgie oder bequeme Gedanken geht, und die ein Apostolat (Evangelisation, Mission) ausschließen. Das Gegenteil ist ja der Fall: Die Hl. Messe ist ein zutiefst missionarisches Geschehen ("Ite missa est!"), das sich im Alltag fortsetzen soll, so zumindest der Anspruch derer, die eine eucharistische Frömmigkeit pflegen.

    Ebenso hangen die (meisten) Anhänger der Tradition dieser nicht aus nostalgischen Gefühlen oder wegen einem Ästhetizismus an, sondern deswegen, weil sie ein Schutz gegen Neuerungen ist, die die Verkündigung des authentischen Glaubens gefährden, gemäß dem Grundsatz, dass man sich an das halten solle, das vor einer bestehenden Verwirrung gegolten hat (sozusagen, um eben eine Hermeneutik der Kontinuität zu gewährleisten und nicht in eine des Bruches zu verfallen). Das schließt eine authentische Weiterentwicklung oder legitime Änderungen zu einer späteren beruhigten Zeit nicht aus. Deswegen ist es auch falsch, Traditionalisten vorzuwerfen, sie wollten die Ausformung des ("vorkonziliaren") Glaubens - wie immer dieser auch aussehen mag - "in Beton gießen" oder sie seien "unbeweglich". Dies gilt für nur für die Zeit einer Gefahr. Die von Papst Benedikt XVI. ermöglichte (Wieder-)Anknüpfung an die traditionelle Messe und Theologie ist deshalb eine große Chance für die Kirche, die hoffentlich nicht wieder eingeschränkt werden wird.

    Wie gesagt, ich fürchte, der Heilige Vater hat diesbezüglich Vorurteile, die möglicherweise aus einer Unkenntnis der tatsächlichen Situation herrührt...



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  2. Ihrer Kritik an der Formulierung von der "ostentativen Pflege der Liturgie und der Lehre" stimme ich voll zu. Ich muss leider die Kritik an diesem Abschnitt des päpstlichen Schreibens noch erweitern. Der Hl. Vater spricht dann noch von einer zweiten „bedrohlichen Weltlichkeit“, nämlich „dem Reiz, gesellschaftliche oder politische Errungenschaften vorweisen zu können, (…) die mit dem Management praktischer Angelegenheiten verbunden ist.“ Diese Kritik ist sicher berechtigt und auch für jeden aufmerksamen Beobachter der kirchlichen Szene nachvollziehbar. Sorge macht mit allerdings das, was der Hl. Vater nicht sagt. Es gibt eine weitere, für die Kirche wesentlich gefährlichere Weltlichkeit. Dieser Weltlichkeit ist die Gruppe der sog. Reformer erlegen. Sie wollen die Kirche dem Diktat der modernen Gesellschaft unterordnen und sie damit in ihrer Substanz zerstören. Jeder kennt das Szenario. Hier nur zwei Beispiele: Der „Münchener Merkur“ schrieb unter dem Datum vom 14.10.11 über Pfarrer Schießler von St. Maximilian u. a. folgendes: „Er ist der Mann, der der katholischen Kirche allen Negativ-Trends zum Trotz Mitglieder zurückgewinnt. Ein unermüdlicher Menschenfischer, ein 51-jähriger Musterknabe. (…) Und ob einer katholisch getauft ist oder nicht, interessiert Schießler nicht, wenn er die heilige Kommunion austeilt.“ Und der "Münchner Kreis" kündigt in einem Positionspapier an, sich in der pastoralen Praxis über gängige Vorschriften der Kirche bewusst hinwegzusetzen. Die Priester und Diakone dieser Vereinigung wollen unter anderem geschiedenen Wiederverheirateten und "Mitgliedern anderer christlicher Kirchen" die Eucharistie nicht mehr verweigern. Auch die Ereignisse um Limburg und Köln gehören in diesen Zusammenhang. Der ersten Gruppe, die der Papst ins Visier genommen hat, unterstellt er pauschal Verhaltensweisen, von denen man nicht weiß, auf wen sie überhaupt zutreffen. Die zweite Gruppe trifft man recht häufig an, und sie legt sicher kein glaubwürdiges Zeugnis für christliches Verhalten ab. Hier wäre es Aufgabe der Bischöfe, die Übel zu beseitigen. Die dritte Gruppe aber gefährdet die Kirche in ihrem Kern. Und dazu schweigt der Papst und seinem Beispiel folgend tun dies auch die Bischöfe. Irgendetwas stimmt da ganz und gar nicht.

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