Donnerstag, 29. September 2011

Der Herr im Abseits

Hochwürden Alipius hat einen bemerkenswerten Beitrag über Grundfragen der Liturgie geschrieben. Ich auf jeden Fall finde mich da sehr wieder.

Abseits der üblichen "Welche Messe ist besser?"-Diskussionen geht er einer Erfahrung nach, die viele Menschen bei ihrem ersten Kontakt mit der "alten" Liturgie machen: man fühlt sich unmittelbarer in das eigentliche Geschehen (die Begegnung des gekreuzigten, auferstandenen und erhöhten Herrn mit seiner Gemeinde) hineingenommen. "Wie hältst Du es ganz persönlich mit Jesus Christus?" könnte man als Thema über derlei Erfahrungen schreiben.

Mindestens ebenso gut bringt er einen nicht ganz untypischen Eindruck in so mancher "neuen" Messe auf den Punkt: man wird das Gefühl nicht los, dass der ganzen Sache irgendwie die Mitte abhanden gekommen ist. Stattdessen leerer Betrieb: "Man ist halt beisammen und da möchte man dann auch 'was draus machen".

Wer sich dabei einsam fühlt, der sollte bedenken, dass nur einer wirklich einsam ist in einer solchen Veranstaltung: der im Tabernakel ...


Samstag, 17. September 2011

Ehe zwischen Mann und Frau ein Ideal?

Der neue Erzbischof von Berlin wird heute an verschiedenen Stellen (z.B. hier) folgendermaßen zitiert:
Woelki erklärte bei dem Treffen, er persönlich und die katholische Kirche insgesamt wollten keineswegs Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminieren oder ausschließen. Zugleich habe er klargestellt, dass die Kirche vom Ideal einer für Kinder offenen Ehe zwischen Mann und Frau nicht abweiche. Diesem Ideal sei auch in kirchlichen Einrichtungen Rechnung zu tragen. 
Nennt mich jetzt gerne kleinlich, aber ich halte diese Art von Sprachverwirrung für fast ebenso schädlich wie irgendwelche "Ungehorsamsaufrufe". Wie sollen die Menschen die kirchliche Lehre verstehen, wenn sie ihnen auch von Bischöfen öffentlich falsch erklärt wird?

Dass die katholische Kirche nur die "für Kinder offene Ehe zwischen Mann und Frau" anerkennt, hat mit Idealen gar nichts zu tun. Die so beschriebene Ehe ist schlicht die einzige, weil nur sie mit der Natur- und Schöpfungsordnung und dem geoffenbarten Willen Gottes in Übereinstimmung zu bringen ist. Die Kirche hält auch nicht am "Ideal des Nicht-Mordens" fest ...

Samstag, 10. September 2011

Neues Interview mit Saskia Wendel

Prof. Dr. Saskia Wendel
Saskia Wendel, Initiatorin des Theologen und Theologinnen-Memorandums und ausgewiesene Expertin für Gender- und Genderinnen-Theologie, hat in einem aktuellen Interview mit "ZOMBIE - das Magazin für Kirchenreform" den Zusammenhang zwischen dem norwegischen Amoktäter Anders Breivik und konservativen katholischen Kreisen bekräftigt, den sie bereits an anderer Stelle vorgetragen hatte.


ZOMBIE: Liebe Frau Wendel, erlauben Sie mir zunächst einmal ganz persönlich Ihnen meine Bewunderung für Ihren beispiellosen Mut auszudrücken. Ihr Kampf für eine Reform der Kirche findet in unserer Gruppe "Jugend für den Aufbruch" uneingeschränkte Unterstützung; wir kämpfen seit Jahren ...

WENDEL: Vielen Dank ...

ZOMBIE: ... für das Ende der sexuellen Repression in der Kirche. Mit "Humanae Vitae" hat es angefangen. Es braucht Leute wie Sie, damit jetzt endlich ...

WENDEL: Ja, ja, vielen Dank ...

ZOMBIE: ... etwas passiert. Erst gestern habe ich zu meiner Frau gesagt: Saskia Wendel ist eine wirkliche Hoffnungsträgerin. Ich habe einfach keine Lust mehr, mir von denen in Rom unter die Bettdecke schauen zu lassen!

WENDEL: Ja, sicher, ganz richtig - aber vielleicht stellen Sie mir jetzt einmal eine Frage ...

ZOMBIE: Das wäre ja schon meine erste Frage: Woher nehmen Sie diesen Mut, so völlig gegen den Strom des Zeitgeistes zu schwimmen?

WENDEL: Ohne den Zuspruch so vieler  Geschwister aus den Reihen der katholischen Reform-Bewegung wäre das für mich gar nicht aus- und durchzuhalten. Ich habe seit dem ZEIT-Interview schon mindestens zwei Briefe erhalten, in denen gerade junge Leute mir ihre Unterstützung zugesagt haben ...

ZOMBIE: Das freut mich ausserordentlich - ganz im Vertrauen: Meine Frau und ich haben Ihnen auch geschrieben.

WENDEL: Oh, das ist jetzt aber ...

ZOMBIE: Haben Sie keine Angst vor Repressionen durch die Amtskirche?

WENDEL: Sicher würde sich der eine oder andere freuen, wenn man meine Befähigung als katholische Theologin in Zweifel ziehen könnte. Aber da werden sie sich die Zähne ausbeissen - ich veröffentliche fast nichts - und wenn, dann hat es mit Theologie in der Regel nichts zu tun.

ZOMBIE: Sie meinen also, es könnte Bestrebungen geben, Ihnen die kirchliche Lehrerlaubnis zu entziehen?

WENDEL: Ich habe da jetzt keine ganz konkreten Hinweise, aber so etwas passiert ja ständig, dass kritische Theologinnen und Theologen mundtot gemacht werden. Denken Sie nur an das jüngste prominente Opfer römischer Willkür, meinen Kollegen Hans Küng ...

ZOMBIE: Richtig, das ist noch nicht lange her. Für meine Frau und mich war der Fall Küng 1980 eine Art Initialzündung. Wir waren damals junge Leute von knapp 40 Jahren und haben uns gesagt: ab jetzt lassen wir uns von denen in Rom nicht mehr unter die Bettdecke schauen. Seitdem arbeiten wir mit unserer Gruppe "Jugend für den Aufbruch" dafür, dass sich in der Kirche etwas bewegt.

WENDEL: Sehr verdienstvoll ...

ZOMBIE: Kommen wir auf den Sprengstoff zu sprechen, der in Ihrem Interview mit der ZEIT liegt. Sie haben den katholischen Traditionalisten dort endlich mal die Maske vom Gesicht gerissen und dabei auch den Staat in die Verantwortung genommen ...

WENDEL: In der Tat! Wenn sich der Verdacht erhärten sollte, dass es zwischen Breivik und den traditionalistischen Gruppen unterirdische Verbindungen gibt, sehe ich keine andere Möglichkeit als ein energisches Eingreifen staatlicher Stellen. Überhaupt muss man viel offener die Frage diskutieren, ob der Staat vor Dingen wie dem Zölibat oder der Alten Messe weiterhin die Augen verschliessen kann. Bisher gibt es ...

ZOMBIE: Schon Paulus sagt ja: Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit ...

WENDEL: ... bisher gibt es noch keine eindeutigen Beweise für diese Verbindungen, aber ich habe mir sagen lassen, dass der SPIEGEL ein Team mit 12 Journalisten auf die Sache angesetzt hat. Die Wahrheit wird also ans Tageslicht kommen.

ZOMBIE: Man will ja nichts beschreien, aber ist es denn auszuschließen, dass es solche Verbindungen auch zwischen Breivik und hochrangigen Leuten in Rom gegeben hat? Breivik war Freimaurer und ich habe mir sagen lassen, dass Kardinal Ratzinger seinerzeit einen Kulturpreis dieser Leute angenommen hat.

WENDEL: Nun, das war Hans Küng ... aber kommen wir wieder auf unser Thema zurück ...

ZOMBIE: Der deutlichste Hinweis auf Breiviks Verbundenheit mit katholisch-konservativen Kreisen ist ja sein Lob für den "Reichtum der katholischen Liturgie".

WENDEL: Ganz richtig. Klarer kann man den Geist des Konzils kaum leugnen als mit dieser Parole vom angeblichen "Reichtum der Liturgie". Die Liturgie muss ja im Gegenteil arm sein - nur so entspricht der Gottesdienst der Bergpredigt und damit auch dem Motto der Reformbewegung: Selig, die arm sind im Geiste!

ZOMBIE: Frau Wendel, ich möchte noch auf ein aktuelles Thema eingehen. Sie haben sich durch das seinerzeitige Verbot von Bischof Fürst nicht abschrecken lassen und führen jetzt ausserhalb der Diözese Rottenburg-Stuttgart die Veranstaltung "Let's think about sex" durch.

WENDEL: Die Enttabuisierung dieses Themas im kirchlichen Raum ist neben der Gender-Theologie ein zentrales Anliegen meiner wissenschaftlichen Bemühungen. Sex ist etwas ganz Natürliches.

ZOMBIE: Eben, schließlich hat Gott uns als Mann und Frau geschaffen.

WENDEL: So einfach ist das nun auch wieder nicht - "Mann" und "Frau" sind keine biologischen Begriffe, sondern vor allem kulturelle Festlegungen, von denen wir uns befreien müssen. Die offizielle Lehre der Kirche muss diese bahnbrechenden Erkenntnissen der Gender-Forschung endlich zur Kenntnis nehmen. An unserer Fakultät planen wir deshalb die Einrichtung eines Lehrstuhls für vergleichende homo-, hetero- und transanimalische Mainstreaming-Theologie.

ZOMBIE: Hochinteressant - wichtig scheint mir dabei zu sein, dass wir uns von Rom nicht länger unter die Bettdecke schauen lassen ...

WENDEL: Also, Herr Wiesner, ich habe den Eindruck, ...

ZOMBIE: Frau Wendel, wir bedanken uns für dieses Interview!

Der unsägliche Herr Schüller ...

... träumt ganz offensichtlich von der großen Revolution in der Kirche. Wie anders kann man sich den folgenden Interview-Beitrag erklären:
Dann kann es ziemlich schnell gehen Niemand hat im Sommer 1989 vorausgesehen, dass Europa im Spätherbst völlig anders aussehen wird. Warum soll das in der Kirche nicht auch ganz schnell gehen? Vielleicht innerhalb von Monaten"
Na klar, nachdem Dr. Martinus Schüller seine Ungehorsams-Thesen an die Tür der österreichischen Kirche genagelt hat, kann es jetzt nicht mehr lange dauern, bis der Reformations-Sturm durch Europa tobt und "innerhalb von Monaten" alles hinwegfegt, was dem verkorksten Generalvikar a.D. nicht passt. Und wenn alles gut geht, dann kann der Herr Oberreformator vielleicht auch noch seine Katherina von Bora heimführen, denn:
"Ich habe das nie ganz ausgeschlossen und trete dafür ein, dass man frei wählen kann" (kath.net)
Warten wir doch mal ganz entspannt ab, welche historische Analogie früher eintritt: der öffentliche Zusammenbruch des "Honecker-Benedikt-Systems" oder die Erfüllung der ganz privaten "In der Woche zwier"-Sehnsüchte ...

Dass er sich mit seinem Reformatiönchen beeilen muss, ist dem Klerikal-Populisten Schüler aber durchaus bewusst:
Junge Geistliche sind momentan überwiegend gegen Reformen. Im Gegenteil: Sie sagen uns Alten, dass unsere Fragen nicht zulässig sind.
Soviel Ehrlichkeit war lange nicht in der ach so jungen kirchlichen Reform-Bewegung ...

Kirchliche Medien

Heute seit langem mal wieder bei katholisch.de vorbeigeschaut und festgestellt, dass es dort einmal in der Woche die "katholisch.de -News" gibt - eine Art "Tagesschau für Katholiken". Schaut man dann einmal die letzten Sendungen durch, langweilt neben dem etwas gestrigen Format (Frontalnachrichten ohne Kommentare) der übliche Mainstream. Missbrauch und Dialogprozess sind Dauerthemen, ansonsten ein bisschen WJT und viel Zollitsch (aber kein Meisner). In der aktuellen Ausgabe fällt noch ein Bericht über die Piusbruderschaft auf, die - man glaubt es kaum - immer noch nicht das Konzil anerkennen will.

Wie es die Katholische Kirche in Deutschland doch immer wieder schafft, sehr viel Geld für Medienprojekte auszugeben, die keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken - da lobe ich mir doch die Blogoezese, die entgegen anderslautender System-Propaganda quietsch-lebendig ist ;-)

Mittwoch, 31. August 2011

Mensch und Hund ;-)









Kirchliche Statistik

Die statistischen Werte der Katholischen Kirche werden immer schlechter - das ist wohl der Grund, warum das Zahlenmaterial in diesem Jahr erstmals aufgeschminkt wie ein Unternehmens-Geschäftsbericht daher kommt.
Das Wichtigste gleich vorweg: es geht uns so richtig gut! Man schaue auf Seite 43 unten und wird sehen, dass die Kirchensteuereinnahmen in 2010 den Rekordwert von 4,8 Milliarden erreicht haben, das ist eine satte Milliarde mehr als 1990! Was macht es da schon, dass es weniger als 50.000 Trauungen gab (1990 fast 120.000), die Zahl der Priester um fast ein Viertel zurückgegangen ist und die Zahl der Gottesdienstbesucher fast um die Hälfte.
Den Herrn Erzbischof Zollitsch und seine Handlanger in Bonn ficht das alles nicht an. Weil sie so viel Geld haben, können sie sich jetzt zünftige Marketingleute leisten. Die produzieren dann so etwas:
Die Zahl der Laien im pastoralen Dienst wächst ständig: So hat sich die Zahl der Pastoralreferenten etwa seit 1990 fast verdoppelt. Damit sind in Deutschland so viele Männer und Frauen im pastoralen Dienst tätig wie nie zuvor. Gleichzeitig geht allerdings die Zahl der Priesterkandidaten zurück. Ende des Jahres 2010 konnten für die deutschen (Erz-)Diözesen 120 Neuaufnahmen verzeichnet werden. Im Vergleich zum Jahr 2009 sind das 41 Männer weniger, ein Minus von 25,5 Prozent. Die Zahl der Neupriester sank von 99 im Jahr 2009 auf 80 im Jahr 2010. Auch die Gesamtzahl der Seminaristen sank von 842 (2009) auf 798 (2010). (S. 12)
Den vernichtenden Zahlen beim Priesternachwuchs wird also eine völlig unerhebliche Jubelzahl über "Laien im pastoralen Dienst" vorangestellt. Will man sich die Dramatik in den Seminaren vollständig vor Augen halten, dann muss man sich klar machen, dass 1990 noch 250 Neupriester geweiht wurden, im Jahr 1962 waren es 550.

Im Klartext: die gesamte Kirche in Deutschland hat kaum noch mehr Seminaristen als die der Alten Liturgie verbundenen Institute. Diese erhalten übrigens keinen Euro aus den Kirchensteuer-Milliarden. Ein Schelm, wer hier einen Zusammenhang sieht.

Aber was will man von einer Institution erwarten, die nicht einmal ihren Namen richtig schreiben kann. In der Marketing-Broschüre liest man ständig "katholische Kirche" mit kleinem "k" - Nomen es Omen ...

Dienstag, 26. Juli 2011

Es lebe der Hunsrück!

Na, das ist doch wirklich eine Freude für Theodor! Ein Bischof, der ebenfalls aus dem Hunsrück gebürtig ist, spricht ihm aus der Seele:
Diejenigen, die auf Grund ihres Glaubens und religiösen Engagements in Erwartung der authentischen Liturgie der Kirche ohnehin kommen, werden mit vielen dieser Gottesdienste nur noch genervt und gelangweilt, weil sie nichts anderes sind als eine öde, auf die Nerven gehende Wiederholung dieser faktischen Welt an heiliger Stätte. Bar jeder Faszination für das Heilige und sich grundlegend unterscheidende Göttliche macht man vielfach aus dem Gottesdienst einen banalen „Event“. 
"Eine öde, auf die Nerven gehende Wiederholung dieser faktischen Welt" - kann mir jemand ein Zitat eines deutschen Bischofs nennen, dass das Problem vieler Gottesdienste so präzise auf den Punkt bringt?

Donnerstag, 14. Juli 2011

Kirche und Partizipation

Einer der innerkirchlich angesagtesten Soziologismen lautet "Partizipation / Beteiligung". Auch die vom Mannheimer Dialogkongress formulierte Vision "Kirche 2015" lässt sich fast vollständig auf dieses Thema reudzieren. Beteiligung von Frauen / Beteiligung von Laien, Beteiligung von Homsexuellen, Beteiligung von wiederverheirateten Geschiedenen, etc.

Einer der Sätze (Nr. 34 hier) aus dem Forderungskatalog bringt diese Vorstellung auf den Punkt:
Mehr Beteiligung ist durch verlässliche synodale Strukturen auf Dauer gestellt, um ein glaubwürdiges Zeugnis von Gott zu geben.
Beteiligung an Leitungsstrukturen erscheint hier fast schon identisch mit der Sendung der Kirche ("Zeugnis von Gott" zu geben), zumindest aber als ihre grundlegende Voraussetzung. Nun will ich den Gedanken gar nicht per se verwerfen, dass es für den Mensch unserer Tage, der jede Institution ganz selbstverständlich unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, ein Stolperstein sein kann, dass die katholische Kirche hier "anders tickt". Und im Umgang mit der Berechtigung solcher "Barrieren" muss die Kirche immer selbstkritisch sein.

Nicht verstehen kann ich, dass die Vision "Kirche 2015" nichts dazu sagt, wie Partizipation in der Kirche ihrem Wesen nach aussieht. Dass der Katholik an seiner Kirche vor allem partizipiert, indem er mit ihr betet und die Sakramente feiert. Den Einwand, das sei doch selbstverständlich, lasse ich an dieser Stelle nicht gelten. Zumindest die Frage, was es für eine Institution bedeutet, dass mehr als 80% ihrer "Mitglieder" sich in diesem Bereich nicht "beteiligen", gehörte doch - rein soziologisch - auf den Tisch, wenn man angeblich ganz ehrlich und "ohne Ängste" über die Probleme der Kirche in Deutschland sprechen will. 

Es sei nur am Rande angemerkt, dass der Herr dieser Kirche das Pochen auf (Beteiligungs-)Gerechtigkeit in seiner Verkündigung mit einem großen Fragezeichen versehen hat. Wer das nicht glaubt, lese einmal wieder das Gleichnis von der Arbeitern im Weinberg. 

So leicht beeindruckt man einen Erzbischof

Welche Schlüsse über den Zustand der katholischen Kirche in Deutschland muss man eigentlich ziehen, wenn der oberste deutsche Katholik sich zwei Tage mit 299 Bischöfen, Priestern, Ordensleuten, Theologieprofessoren und Pfarrgemeinderäten zusammensetzt und seine Eindrücke dann so zusammenfasst:
Ich bin beeindruckt von der großen Solidarität und Sympathie in Bezug auf unsere Kirche
Nee klar, das konnte man in diesem Kreis natürlich nicht erwarten - wirklich beeindruckend ...

Ich fühle mich verarscht

Unsere Zeit ist ja so vergesslich: auf das Memorandum mit den unglaublich neuen Forderungen zu einer Kirchenreform folgte die Petition Pro Ecclesia. Hinter beiden Positionen versammelten sich ungefähr gleich viele Unterzeichner im Internet. Für beide Positionen gab es deutlich vernehmbare Befürworter in den deutschen Medien. Man hatte den Eindruck: es steht pari.

Die deutschen Bischöfe, allen voran EB Z. (z.B. hier), signalisierten, dass diese Tatsache angekommen sei und zogen einen nachvollziehbaren Schluss: Lasst uns mal drüber reden.

Bereits nach Lektüre der Einladungsliste zur ersten Dialog-Veranstaltung schwante einem nichts Gutes: fehlten da nicht ein paar Namen, die man mit der Position von Pro Ecclesia hätte in Verbindung bringen können?

Die erste Berichterstattung über die Veranstaltung in Mannheim hinterließ dann Ratlosigkeit. Anscheinend hatten sich alle wohlgefühlt. Und Wichtiges musste geschehen sein, schließlich soll der Hl. Vater höchstpersönlich über die Fortschritte informiert werden. Den Äußerungen der Teilnehmer war jedoch nicht der kleinste Hinweis darüber zu entnehmen, über was eigentlich geredet worden war und zu welchen Ergebnissen das geführt hatte. Oder kann jemand aus dem folgenden Zitat des EB Z. eine inhaltliche Information destillieren:

Das Wagnis hat sich gelohnt. Die Standortbestimmung, wo wir im Glauben heute stehen, war notwendig. Es gab eine Atmosphäre des Zuhörens. Der Austausch von Erfahrungen, Sorgen und Hoffnungen war bereichernd. Ich bin beeindruckt von der großen Solidarität und Sympathie in Bezug auf unsere Kirche.
Mittlerweile weiss man (z.B. dank Elsa), was und mit welchem Ergebnis im Kreis gestuhlt wurde. Eine "Standortbestimmung, wo wir im Glauben stehen" möchte man den 37 Thesen von Mannheim besser nicht entnehmen, sehr wohl aber eine Vision, wie die Kirche der 300 im Jahr 2015 aussehen soll. Und wer hätte es gedacht: es ist die Kirche der Memorandisti, seit bald 500 Jahren auch unter dem Namen "Kirche der Reformation" bekannt, erkennbar an den sieben Gaben der Hl. Geistin: Verheiratete Priester, geweihte Frauen, wiederverheiratete Geschiedene, gleichberechtigte Laien, synodale Strukturen, anerkannte Homsexualität, Pille für alle.

Das ganze geheimnisvolle Drumherumgerede hatte also nur den einen Zweck, die simple Tatsache zu verschleiern: ein Dialog der unterschiedlichen Positionen in der katholischen Kirche in Deutschland hat nicht stattgefunden.

Dienstag, 28. Juni 2011

Facharbeit zur Alten Messe

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Gottesdienst" findet sich unter dem Titel "Ein Weg in die Zukunft?" der Beitrag einer Abiturientin, die ihre Facharbeit zum Thema "Die Messe im außerordentlichen Ritus" verfasst hat. Hierzu hat sie eine Befragung unter den Teilnehmern der Messe im außerordentlichen Ritus vorgenommen, die montags abends in der Pfarre St. Marien / Herzogenrath zelebriert wird und mit dem verantwortlichen Pfarrer, H.H. Dr. Guido Rodheudt, ein ausführliches Interview geführt.

Bemerkenswert ist das persönliche Resümee der Autorin. Positiv bemerkt sie:
Beim Besuch der Tridentinischen Messe habe ich die dort herrschende Still positiv empfunden. Ich hatte das Gefühl, vieles bewusster wahrzunehmen - auch die Beziehung zu Gott. Es gibt keine Ablenkung vom Wesentlichen in Form von Gesängen, Lesungen, Predigt(en) ohne geistliche Tiefe, wie sie in manchen Messfeiern in der erneuerten Form vorkommen. Die persönliche Beziehung zu Gott steht im Vordergrund. Der gleichförmige Ablauf der Messe lässt einen zur Ruhe kommen.
Hieran schließt sich aber auch Kritik an:
Auf der anderen Seite ist in der Tridentinischen Messe kaum Patz für Gemeinschaft. Die geheimnisvollen Riten und die lateinische Sprache betonen die Distanz zwischen dem, der die Zeremonie leitet, und den Gottesdienstbesuchern mit Gast- bzw. Zuschauerstatus. Durch die Stille und die lateinische Sprache bedeutet diese Messe für jeden Besucher etwas Anderes. Es gibt keine Botschaft, die sich an alle richtet, wie sie uns ansonsten oft in der Auslegung des Wortes Gottes oder - vielleicht manchmal zu viel - in Aktionen junger Menschen oder in Symbolen mitgegeben wird. Aber man kann fehlende Spiritualität und mangelnde Sakralität nicht mit fehlender Gemeinschaft und Verständlichkeit bekämpfen. Auch ist das Verbot von Ministrantinnen in meinen Augen nicht mehr angebracht.
Als Schlussfolgerung ergibt sich:
Als Weg in die Zukunft kann ich mir die Wiedereinführung der Tridentinischen Messe nicht vorstellen, wenn in der Kirche selbst tiefe Uneinigkeit über diese Form herrscht.
Und: Menschen, die man zum Glauben führen möchte und denen man die Botschaft Gottes und den "Schatz" der Messfeier vermitteln möchte, darf man nicht den Rücken zukehren und sie auf Distanz halten.
Zunächst ist es recht erfreulich, dass das offizielle Organ des Deutschen Liturgischen Instituts einen solchen "Erfahrungsbericht" überhaupt abdruckt. Offensichtlich scheint man die Alte Messe dort wieder als eine Option wahrzunehmen, mit der man sich auseinandersetzen muss - anstatt sie totzuschweigen.

Ferner ist es gut, wenn auch junge Menschen, die der Alten Messe sichtbar fern stehen, das Defizit an Spiritualität und Sakralität wahrnehmen und benennen, welches so viele "ordentliche" Gottesdienste prägt.

Und es ist ein Vorrecht der Jugend, Eindrücke auch einmal recht unvermittelt nebeneinander zu stellen und auszudrücken. Es verblüfft aber doch ein wenig, wenn ausdrücklich betont wird, dass die Beziehung zu Gott bewusster wahrgenommen wird und gleichzeitig behauptet wird, der Besucher habe nur Gast- bzw. Zuschauerstatus. Ist jemand nur Gast/Zuschauer, der seine Gottesbeziehung intensiver erlebt? Wird mir nicht das immer wieder als Begründung für liturgische Irrwege genannt, dass sie dazu dienen sollen, dass Menschen eine "Gotteserfahrung" machen können?

Mittwoch, 22. Juni 2011

Pro multis IV

Pro spe salutis hat unseren kleinen Dialog über das "Pro Multis" fortgeführt. Bevor ich darauf antworte, möchte ich eine Bemerkung vorausschicken: Es freut mich sehr, das Thema in dieser Weise auf einem guten theologischen Niveau verhandelt zu sehen. Das ist ja keine Selbstverständlichkeit, gehört das "Pro Multis" doch zum klassischen Set einer traditionalistischen Überzeugung.

Einige Punkte habe ich inhaltlich dann doch noch:

  1. Mir ging es vor allem darum, dass man die Übersetzung "für alle" nicht als falsch oder illegitim bezeichnen kann ("es kann nicht "für alle" heissen, hatte Pro spe salutis formuliert). Wenn er das mit dem Halbsatz 'Meinethalben kann man auch "für alle' übersetzen" zurücknimmt, sind wir hier schon ganz nah beinander.
  2. Einem soeben (von Benedikt XVI. !!!) selig gesprochenen Papst häretische Tendenzen in allerzentralsten dogmatischen Fragen zu unterstellen, ist für mich gänzlich inakzeptabel. Hallo, wo sind wir hier eigentlich? Was würde das, ganz nebenbei, über den regierenden Hl. Vater sagen, wenn er einen (semi-)häretischen Vorgänger im Schnelldurchgang selig gesprochen hätte? 
  3. Mir ist der Unterschied zwischen der "objektiven" Seite der Erlösung und ihrer "subjektiven" durchaus bewusst. Das Interessante an dem von mir angeführten Römerbrief-Zitat ist ja, dass Paulus hier über die Gerechtsprechung/Rechtfertigung, also die "subjektive" Seite spricht und dennoch von "allen" spricht, resp. "alle" und "viele" synonym verwendet. Hatte der gute Apostelfürst am Ende auch "Allversöhnungstendenzen"? Man kann doch wirklich niemandem über den Weg trauen ... 
  4.  Der eigentliche Knackpunkt unserer Diskussion scheint mir das Wort "Angebot" zu sein. Jede Faser in mir sträubt sich, diesen marktwirtschaftlich versauten Terminus an dieser Stelle zu verwenden (Ist es nicht das große Krisenphänomen unserer Tage, dass die Kirche ständig "Angebote" machen will?). 
  5. Was geschieht im Abendmahlssaal? Christus nimmt seinen Opfertod vorweg, in dem die Liebe (das innere Wesen des dreifaltigen Gottes) über die Sünde siegt. Die überströmende, (menschlich) masslose Liebe des Sohnes zum Vater, aus der heraus er sich für dessen Geschöpfe opfert. Liebe bietet sich nicht an, Liebe überwältigt! Das ist die Grunderfahrung der Kirche, ihrer Heiligen, ihrer Mystiker: das Überwältig-Sein von der überströmenden Liebe Gottes, die sich in der endgültigen Liebestat Christi neu offenbart. 
  6. Diese Liebe Gottes war schon offenbar in seiner Schöpfung. Die innertrinitarische Liebe ist ja die "Weltformel", die ureigentliche Kraft des Universums. Wenn wir einmal nicht mehr "durch einen Spiegel schauen", werden wir das feststellen: dass die ganze Schöpfung im Großen und im Kleinen getragen, durchwaltet ist von der trinitarischen Liebe Gottes. Und dieses Liebe hat sich noch einmal überboten in der Menschwerdung und im Opfertod unseres Herrn und Heilands. 
  7. "Natürlich hat Christus die ganze Welt erlöst, ist sein Blut für alle Menschen geflossen" schreibt Pro spe salutis. Nein, nichts daran ist natürlich! Es ist Gnade, reinste Gnade, Ausfluss der alles und jeden überwältigenden Liebe Gottes zu Dir, zu mir und selbst zu Adolf Hitler.
  8. Es ist richtig, dass ich mich selbst immer wieder als jemanden erfahre, der sich von dieser überwältigenden Liebe nicht überwältigen lässt. Der kleingläubig und spiessig auf seinem Selbststand besteht, seine eigenen Prioritäten setzt, seinen Lüsten und Lüstchen frönt, usw. Diese Erfahrung stellt wirklich und in tödlicher Ernsthaftigkeit mein Heil in Frage. Aber sie steht nicht auf einer Ebene mit Gottes Liebe, das wird ihren endgültigen Sieg, den Durchbruch des Reiches Gottes in seiner Herrlichkeit nicht rückgängig machen.
  9. Schon gar nicht werde ich in dem Augenblick, in dem die Kirche in Gemeinschaft mit den himmlischen Heerscharen sich die Großtaten Gottes und die endgültige Liebestat Christi jubelnd vergegenwärtigt, nach links und rechts schauen und zufrieden feststellen, dass der Adolf (und so mancher andere) natürlich nicht dabei ist (hat halt das "Angebot" nicht angenommen, das Dummerchen - Danke, Herr, dass ich nicht bin wie dieser).
  10. "Denn es sind - leider - nicht 'alle', die sich dem Heil Gottes öffnen und hierdurch erlöst werden, wiewohl auch für sie das Blut Christi vergossen worden ist" - so Pro spe salutis. Ich weiss das nicht - ich weiss nur, dass ich selbst in Gefahr bin, nicht dabei zu sein. Und solange ich noch in der Gemeinschaft der Heiligen Eucharistie feiere, kann, darf und muss (!) ich auch für mich hoffen. 
Weil ich glaube, dass es sich so verhält, meine ich (mit dem seligen Johannes Paul), dass die Übersetzung "für alle" völlig legitim ist. Und bestätigt fühle ich mich vor allem durch die Tatsache, dass die Kirche in ihrer (vorkonziliaren) Liturgie am Gründonnerstag diesen Gedanken, dass Christus für alle Menschen ("omniumque") gestorben ist, als Einleitungstext für den "Einsetzungsbericht" gewählt hat. Wie anders sollte ich das verstehen, denn als Interpretations- und ggfs. Übersetzungshilfe für das "Pro Multis"? Es ist vielleicht kein Zufall, dass Pro spe salutis zu diesem Argument bisher nichts eingefallen ist ... 

Sonntag, 19. Juni 2011

Viele - Alle - und der Hl. Paulus

Ich werde noch einmal versuchen, den Kern meiner Stellungnahme zur Pro Multis-Diskussion unmittelbar aus der Hl. Schrift zu erläutern.

Der Hl. Paulus schreibt im Römerbrief, Kapitel 5 über den Zusammenhang von Sünde und Erlösung. In der Vulgata lauten die Verse 18 und 19:
igitur sicut per unius delictum in omnes homines in condemnationem sic et per unius iustitiam in omnes homines in iustificationem vitae
sicut enim per inoboedientiam unius hominis peccatores constituti sunt multi ita et per unius oboeditionem iusti constituentur multi.
In der deutschen Übersetzung:
Wie es also durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt.
Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden. 
Wie man unschwer sehen kann, verwendet der Hl. Paulus "omnes" und "multi" hier völlig synonym. Das ist es, was der selige Johannes Paul in seiner Stellungnahme zu unserer Frage als "typisch semitische  Ausdrucksweise" bezeichnet hat.

Man kann also nach wie vor der Meinung sein, die "wörtlichere" Übersetzung "für viele" sei im liturgischen Kontext angemessener - man kann nicht behaupten, dass es gegen die Übersetzung "für alle" irgendein stichhaltiges dogmatisches oder exegetisches Argument gäbe.

Pro Multis III

Nun hat auch Pro spe salutis sich in die kleine Diskussion über die Übersetzung des "Pro Multis" eingemischt und ich nehme den Ball gerne noch einmal auf (zumal es dazu schon Zustimmung in der Blogoezese gegeben hat).

Vorab eine kurze Erläuterung: Ich kann über dogmatische Fragen nicht ohne Herzblut schreiben, weil ich die mangelnde Bereitschaft, sich den eigenen Glauben wirklich von der Kirche schenken zu lassen und ihn nicht (mit wie frommen Absichten auch immer) selbst zu machen, für das Grundübel unserer Zeit halte. Wenn ich also im Folgenden auch einmal deutliche Worte gebrauche, sollte ganz klar sein, dass ich die "frommen Absichten" aller Menschen, die meines Erachtens falsche, weil nicht der Lehre der Kirche entsprechende Positionen vertreten, trotzdem achte und niemanden "ad hominem" treffen möchte.

Pro spe salutis vertritt die Meinung, dass die Übersetzung des "Pro multis" nicht "für alle" lauten kann. Mit dieser Stellungnahme widerspricht er unmittelbar dem päpstlichen Lehramt. Der selige Papst Johannes Paul II. formuliert in seinem Schreiben an die Priester zum Gründonnerstag 2005:
Es handelt sich um ein Opfer, das für »viele« hingegeben wird, wie der biblische Text (Mk 14, 24; Mt 26, 28; vgl. Jes 53, 11-12) in einer typisch semitischen Ausdrucksweise sagt. Während diese die große Schar bezeichnet, zu der das Heil gelangt, das der eine Christus gewirkt hat, schließt sie zugleich die Gesamtheit der Menschen ein, der es dargeboten wird: Es ist das Blut, »das für euch und für alle vergossen wird«, wie einige Übersetzungen legitim deutlich machen. Das Fleisch Christi ist in der Tat hingegeben »für das Leben der Welt« (Joh 6, 51; vgl. 1 Joh 2, 2).
Da mir keine neuere lehramtliche Stellungnahme zu dieser Frage bekannt ist, hat sich die Stellungnahme von Pro spe salutis bereits rein formal erledigt - es sei denn er wollte den lehramtlichen Text des gerade seliggsprochenen Papstes für irrig erklären (was ihm angesichts des Charakters dieses Schreibens bei ernsthaften Gewissensgründen freisteht). Er sollte sich dabei aber nicht auf das Schreiben von Kardinal Arinze berufen, in dem dieser den Bischöfen den Wunsch Benedikts XVI. mitteilt, die Gläubigen auf die Verwendung eines "für viele"-Äquivalents in zukünftigen Übersetzungen des Missale Romanum vorzubereiten. Denn in diesem Schreiben wird an keiner Stelle behauptet, dass die Übersetzung "für alle" nicht legitim wäre.

Wie gesagt: das ist eine formale Widerlegung. Auch inhaltlich kann man den Ausführungen von Pro spe salutis leider nicht zustimmen. Seine Argumentation lässt sich in etwa so zusammenfassen: Gott hält für alle Menschen das Heil bereit - dies hat auch Jesus verkündet. Die Heilige Messe ist aber mehr als nur Verkündigung dieses Heilswillens Gottes - in ihr manifestiert sich das Reich Gottes und daher ist es richtig, dass in der Hl. Messe auch nur diejenigen angesprochen werden, an denen sich diese Manifestation des Reiches Gottes vollzieht und die diesen Vollzug auch zulassen.

Der Gedankengang ist spekulativ - woraufhin Pro spe salutis auch hinweist (er bezieht sich auf die Mysterientheologie Odo Casels). Wie weit trägt nun diese Spekulation?

Zunächst befremdet in unserem Zusammenhang die Rede vom Heil, das Gott allen Menschen bereit hält.  Es geht bei den Wandlungsworten nicht um den Heilswillen Gottes, sondern darum, dass Jesus Christus am Kreuz unser Heil und das Heil aller Menschen gewirkt hat - Erlösung ist keine Möglichkeit mehr, sondern eine universale Realität ("denn durch Dein Heiliges Kreuz hat Du die Welt erlöst" beten wir im Kreuzweg). Unser Herr und Heiland hat in einem Akt unendlicher, überstömender Liebe sein heiliges Blut für uns (und alle Menschen) vergossen und damit ein für alle mal den Tod, die Folge der Sünde, überwunden. Damit macht er seine Ankündigung wahr: "Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen"(Joh 12, 32). Dieses Ereignis feiern wir in der Hl. Messe. Dass der einzelne Mensch dieses für ihn bereits gewirkte Heil in einer "sub specie aeternitatis" letztlich grotesken Selbstverneinung von sich stossen kann, steht an dieser Stelle auf einem ganz anderen Blatt und auch auf einer anderen Ebene.

Jesu Tod am Kreuz ist kein "Angebot", dem der Mensch sich - quasi auf Augenhöhe mit Gott - verweigern könnte. Das Blut zur Vergebung meiner (und aller Menschen) Sünden ist bereits vergossen! Auf diesen Tatbestand beziehen sich die Wandlungsworte. Und deshalb ist die Übersetzung "für alle" legitim und dogmatisch richtig.

Um es noch einmal auf die konkreten Überlegungen von Pro spe salutis zu beziehen: Das am Kreuz vergossene Blut ist für alle Menschen vergossen "zur Vergebung der Sünden" - daher richten sich die Wandlungsworte auch an alle Menschen (ja, natürlich auch an Hinz und Kunz) und nicht an eine Schar von Auserwählten.

Es bleiben die philologischen Argumente für eine "wörtlichere Übersetzung" - über die ich hier nicht sprechen möchte und auch nicht muss, da ich die Übersetzung "für viele" ja nicht für falsch, irrig oder illegitim halte.

Samstag, 18. Juni 2011

Pro Multis II

Nachdem Akatair in der Frage der Übersetzung des "Pro Multis" nachgelegt hat, auch von meiner Seite noch einige Überlegungen.

Den eigentlichen Sinn meines Einwandes hat Akatair leider ignoriert, da er weiterhin davon spricht, bei Matthäus und Markus heiße es original "viele" und nicht "alle". Der Clou meines Einwandes war, dass "im Original" eben weder das eine noch das andere deutsche Wort steht, sondern ein griechisches. Aufgabe der Übersetzung ist es dann, das sinngemäß richtige deutsche Wort zu wählen. Jeder Übersetzer sollte sich dieser Tatsache bewusst sein. Für die Übersetzung eines bestimmten Wortes oder einer Phrase in der Ausgangssprache stehen meist mehrere Worte oder Phrasen der Zielsprache zur Verfügung. Die Auswahl aus diesem "Sortiment" an Übersetzungsoptionen ist Aufgabe und Kunst des Übersetzers - und sie ist unumgehbar.

In der konkreten Frage des "Pro Multis" kann ich persönlich mit fast allen zur Diskussion stehenden Varianten leben - denn jede bedarf der Erläuterung. Ich will aber nicht leugnen, dass für die Übersetzung "für alle" aus meiner Sicht ein ganz wesentliches Argument spricht:

Das Missale Romanum von 1962 kennt nur für einen Tag im Jahr eine eigene Fassung des "Qui pridie", also des Gebetes mit dem die Wandlungsworte eingeleitet werden. Dieser Tag ist der Gründonnerstag, an dem das "Qui pridie" den Einschub enthält:
...,quam pro nostra omniumque salute pateretur, ...
Ist es nicht interessant, dass die Kirche (wohlgemerkt: die "vorkonziliare" Kirche!) just bei der Feier der Einsetzung des Altarsakramentes Wert darauf legt, die Reichweite des Erlösungswerkes Christi in dieser Weise zu betonen? Spricht nicht einiges dafür, diesen Einschub auch als Interpretationshilfe für die Übersetzung der Wandlungsworte sehr ernst zu nehmen?

Freitag, 17. Juni 2011

Übersetzen, Dolmetschen und das Pro Multis

Akatair hat einen interessanten Beitrag zum Thema "Pro Multis" gepostet. Seine Argumente leuchten mir allerdings nicht ganz ein. Ich finde die Behauptung schwierig, wir hätten hier ein "wortwörtliches Zitat" Jesu vor uns, denn es wird ja an verschiedenen Stellen unterschiedlich überliefert. Und auch die Aussage "er hat 'viele' gesagt", ist nicht richtig, da 'viele' ein deutsches Wort ist, das Jesus ganz sicher nicht verwendet hat. Das mag wie ein Kalauer klingen, aber in diesem einfachen Sachverhalt liegt ja die ganze Crux des Übersetzens begründet. Was ist eine "wortwörtliche" Übersetzung?

Mir ist an dieser Stelle eigentlich nur wichtig, dass die deutsche Übersetzung "für alle" sachlich richtig ist - und das ist sie meines Erachtens, denn auch die alte Liturgie lässt ja keinen Zweifel daran, dass Jesus sein Blut für die Erlösung aller Menschen vergossen hat.

Dienstag, 14. Juni 2011

Verschwörungen, Dossiers und das Spiel mit dem Feuer

Die Hintergründe des "vatikanischen" Dossiers über eine angebliche kirchenspalterische Verschwörung im Umfeld der Deutschen Bischofskonferenz haben sich mittlerweile ja weitgehend aufgeklärt (siehe Guido Horsts Blog). Viel Lärm um Nichts - könnte man jetzt sagen und die Sache ad acta legen.

Ganz so einfach scheint mir die Sache aber nicht zu sein, denn einige Dinge fallen doch unangenehm auf:

  1. Die ganze Verschwörungstheorie ist konstruiert und völlig überzogen. Jeder weiss, dass es in der deutschen Kirche Menschen gibt, die sich Veränderungen wünschen, die man im seinerzeitigen Kirchenvolksbegehren und zuletzt auch im Theologen-Memorandum nachlesen kann. Dass diese Menschen gelegentlich versuchen, sich Gehör zu verschaffen und das ein solches Thema dann auch einmal "konzentriert" gespielt wird, hat viel mit den Mechanismen unserer Mediengesellschaft zu tun, aber wenig mit einer "Verschwörung". Hierzu würde dann doch etwas mehr gehören.
  2. Der FOCUS-Artikel (ich kenne ihn bisher nur aus dem Bericht bei kath.net) ist erschreckend unbedarft. Wenn da ernsthaft behauptet wird, eine Mehrheit der deutschen Generalvikare sei bereit "Dogmen (!) über Bord zu werfen", sagt das nichts über die deutschen Generalvikare, aber sehr viel über die Unkenntnis des Verfassers bezüglich der Verhältnisse in der deutschen Kirche. Ebenso merkwürdig ist die Alternative zwischen einer "horizontalen" Kirche, in der auch Glaubenssätze Gegenstand von Mehrheitsentscheidungen werden können, und einer "vertikalen" Kirche, die "überlieferte Sakramente durch die Zeiten trägt". Sakramente werden meines Wissens gespendet und nicht "durch die Zeiten getragen" - und gibt es irgendeinen Anhaltspunkt, dass z.B. die "Memorandisti" eines der sieben Sakramente abschaffen wollen? 
  3. Wirklich bedenklich ist die Leichtigkeit, mit der hier (und leider auch bei Matthias Matussek) mit dem Feuer der Kirchenspaltung gespielt wird. Ich bin kein "Weichei", das Wortspiele aus dem Bereich der Kriegskunst per se für anstössig hält, aber passen recht schnoddrig hingeworfene Sprüche wie "geänderte Gefechtslage" und "die Schlachtreihen stehen" zum Pfingstfest? Ist das machtvollste Bild der Pfingstgeschichte nicht die Überwindung der babylonischen Sprachverwirrung und zeigt sich in dieser Überwindung der Heilige Geist nicht vor allem als Geist der Einheit? Kann jemand, der sich als "Traditions-Katholik" bezeichnet und zu dessen Unterscheidungsmerkmalen gegenüber den "Progressiven" es gehört, an die Heilsnotwendigkeit der Zugehörigkeit zur "una sancta catholica" zu glauben, launige Vorschläge machen, wie man Teile dieser Kirche an den Protestantismus abtritt? 
Die Spaltungen im Leib Christi sind ein Skandal und eine Wunde - für lustige Gedankenspiele taugen sie ganz sicher nicht ...