Mittwoch, 12. November 2014

Das Lefebvre-Schisma - Pest UND Cholera

Der Urheber
Nachdem ich im letzten Post zum Thema wesentliche historische Fakten und zwei wichtige Zitate zusammengestellt habe, möchte ich noch einige Gedanken zur Einordnung von Lefebvres Tat und ihre Folgen bis auf den heutigen Tag anfügen. Diese Gedanken sind gleichzeitig der letzte Beitrag zu meiner "Wirtshausrauferei" mit dem Kollegen Geistbraus. Denn die Frage der Bewertung von Erzbischof Lefebvre und seiner Tat von 1988 war - das ist, wie bei Raufereien nicht unüblich, etwas aus dem Blick geraten - der eigentliche Ursprung des ganzen Disputs.


1. Die Pius-Bruderschaft hat mit den Bischofsweihen einen Akt gesetzt, der nur verstanden werden kann, wenn er von einer quasi-sedisvakantistischen Geisteshaltung verursacht und getragen wurde. Diese Haltung geht bereits aus den von mir zitierten Dokumenten von Lefebvre und Schmidbauer hervor und sie hat sich in der Folgezeit tief in die "Theologie" der FSSPX eingegraben. Sie ist "quasi"-sedisvakantistisch, weil die Bruderschaft genau das ja nicht sein will. Sie sagt zwar implizit (Lefebvre und Schmidbauer taten es explizit), dass die Päpste nach Pius XII. nicht mehr rechtgläubig sind, aber sie zieht die einzig logische Konsequenz nicht: eben den Sedisvakantismus. Stattdessen konstruiert sie eine "Notsituation", die es ihr angeblich erlaubt, den Papst grundsätzlich anzuerkennen, ihm (und auch der Gemeinschaft der Bischöfe) faktisch jeden Gehorsam zu verweigern. Um diesen Gehorsam - der gerade zu einem traditionellen Kirchenbild gehört - dennoch zu simulieren, erfindet sie solche Dinge wie ein "Ewiges Rom", dem sie angeblich treu ist. Ein solches Konstrukt - bereits von der Wortwahl her verräterisch vom Nachfolger Petri entkoppelt - ist gerade in einer "traditionellen" Theologie ein Unding.

2. Die theologische Korruption - erst einmal begonnen - setzt sich bei der FSSPX dann auch in anderen Bereichen fort. Auch im Bereich der Liturgie gibt es dann die "Messe aller Zeiten" ohne dass irgendjemand genau sagen könnte, was das sein soll. Die konkrete Ausgestaltung des Missale von 1962, 1570, 1230, 600, 200, ... ? Der Canon Romanus? Niemand kann das genau sagen und so fabuliert die Bruderschaft heute von Messen, die angeblich zugleich gültig und Gott nicht wohlgefällig sind - was für ein monströser Unfug! Die Folgen des Schismas (eines jeden Schismas!) sind also auch bei der FSSPX klar abzusehen: die faktische Trennung von der lebendigen Tradition verdirbt den Glauben. Das erste Opfer des Lefebvre-Schismas ist also "sein Werk" selbst.

3. Eine häufig zu hörende Interpretation in konservativen Kreisen versucht das Schisma von 1988 zu rechtfertigen, indem man sagt, es sei notwendig gewesen, um die "Alte Messe" zu retten. Das Gegenteil ist richtig. Erzbischof Lefebvre und die Bruderschaft hätten 1988 alles haben können, was für eine dauerhafte Verankerung des heutigen usus extraordinarius in der Kirche erforderlich gewesen wäre: einen soliden kirchenrechtlichen Status, eine römische Kommission, die die Zusammenarbeit mit dem Episkopat moderiert, einen Bischof und die Festschreibung der Legitimität der Bücher von 1962. Die Arbeit für die "Alte Messe" innerhalb der Kirche wäre aber deutlich einfacher gewesen (gerade auf der Ebene der Diözesen), wenn man die entsprechenden Gemeinschaften nicht ständig - und das gilt in gewisser Weise bis heute - in die Nähe einer schismatischen Gruppierung hätte rücken können.

4. Die Beschädigung des usus extraordinarius durch die FSSPX und ihre Geisteshaltung hat sich bis in die jüngste Vergangenheit fortgesetzt. Es war der Korps-Geist einer schismatischen Gruppe, der dazu geführt hat, dass Bischof Williamson (und seine Anhänger) in der Bruderschaft verbleiben konnte und dem Wirken von Benedikt XVI. für die "Alte Messe" den denkbar schwersten Schaden zugefügt hat: die Aufhebung der Exkommunikation eines Bischofs mit einer offensichtlich pathologischen geistigen Verfassung. Man mache sich nichts vor: der "Fall Williamson" war einer der Sargnägel des Pontifikates Benedikts XVI.

5. Auch heute ist die FSSPX eine ständige Bedrohung der "Alten Messe" und der Gemeinschaften, die sich ihr verpflichtet fühlen. Das zeigt nicht nur der Fall der Franziskaner der Immaculata, sondern auch ein kleines Gedankenspiel: man stelle sich vor, die Gespräche mit der FSSPX würden ohne eine vorherige Reinigung der Bruderschaft zu einem positiven Ergebnis führen und es käme zu einer kirchenrechtlichen Regelung, die alle entsprechenden Gemeinschaften unter eine kirchenrechtliche Struktur ("Ecclesia Dei") bringen würde. Jedes Aufflackern des schismatischen Geistes der Bruderschaft würde dann den gesamten Komplex "Ecclesia Dei" in Mitleidenschaft ziehen und schlimmstenfalls mit in den Abgrund reißen. Bis heute also ist die "Alte Messe" das zweite Opfer des Lefebvre-Schismas.

Erzbischof Lefebvre und seine Mitstreiter standen 1988 nicht vor der Wahl: Pest oder Cholera; sie haben vielmehr durch den schismatischen Akt der Bischofsweihen Pest UND Cholera über die Kirche gebracht.

Es gibt also - gerade für Katholiken, die sich dem traditionellen Lager zugehörig fühlen - überhaupt keinen Grund, das mit den Bischofsweihen 1988 vollzogene Schisma und seine Protagonisten irgendwie schönzureden oder sich mit letzteren soldarisch zu fühlen. Und natürlich ist es legitim, wenn Bischöfe die ihnen anvertrauten Gläubigen von der Solidarisierung mit dieser Gruppierung abhalten wollen - ggfs. auch unter Androhung kirchenrechtlicher Sanktionen.

Kommentare:

  1. >>Es gibt also - gerade für Katholiken, die sich dem traditionellen Lager zugehörig fühlen - überhaupt keinen Grund, das mit den Bischofsweihen 1988 vollzogene Schisma und seine Protagonisten irgendwie schönzureden oder sich mit letzteren soldarisch zu fühlen.<<

    Unser hiesiger katholischer Pfarrer behauptete in einer Predigt: Die Hölle ist für die Christen nicht relvant. Wir sind erlöst weil wir getauft sind. Nach einem Gespräch unter vier Augen, wo ich ihn höflich darauf aufmerksam machte, dass seine Aussage eine, sagen wir mal, sehr verkürzte Auslegung der katholischen Lehre ist, wurde mir eröffnet, dass meine Ansichten die der Pius-Bruderschaft sind, mit dem Hinweis, dass diese im Schisma mit Rom stehen und exkommuniziert wären. Ferner wurde mir empfohlen, mein Gottesbild zu überdenken. Nachdem ich mit meinem Anliegen auf Granit gestoßen war, wurde ich beim Weihbischof vorstellig, der mir versicherte, dass dieser Seelsorger sehr fähig sei. Punkt. Der Priester ist heute noch im Einsatz und erfreut sich, wie kann es anders sein, größter Beliebtheit, während ich mittlerweile in gewissen Kreisen als Denunziant bezeichnet wäre. Das sauge ich mir nicht aus den Fingern, das habe ich selbst erlebt. Es ist bisweilen sehr schwer sich mit den Piussen nicht solidarisch zu fühlen.

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    1. Ja, man erlebt viele sehr unangenehme Dinge. Aber wenn ich mit meinem Italiener unzufrieden bin, suche ich mir als Alternative ja nicht denjenigen aus, von dem ich weiß, dass er für die Mafia Geld wäscht.Und so gut sind die theologischen Pizzen bei der FSSPX dann auch wieder nicht.

      In gewisser Weise bestätigt Ihre Geschichte übrigens meine Einschätzung. Ihr Pfarrer hätte von der Petrusbruderschaft eben nicht sagen können "und die sind exkommunizierte Schismatiker".

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    2. Wenn man Theodors Argumentation folgt, wird genau andersherum ein Schuh draus:

      Wären die Piusse '88 nicht ins Schisma gegangen, hätten sie ihre Anliegen weiter innerhalb der Kirche vertreten können, möglicherweise wären sie sogar eine starke Stimme geworden. Wenn man das allein vom diskurstaktischen Gesichtspunkt her betrachtet, ergeben sich zwei Konsequenzen aus dem Schisma der Piusbrüder, die so auch generell aus jedem Schisma folgen:

      a.) Mit dem Schisma haben sie sich innerhalb der Kirche und in einem gewissen Maße auch in den Augen der Welt ins Unrecht gesetzt. Das macht es ihren Gegnern leicht, alle ihre Thesen allein aufgrunddessen in Bausch und Bogen zu verwerfen. Das ist zwar ein Fehlschluß, aber üblicherweise wirkt er. Die Konsequenz daraus wiederum ist die Schwächung aller Positionen, die auch die Piusbrüder vertreten. Die haben Sie leider zu spüren bekommen, so daß ich in Ihrem Falle die Piusse mehr als die Verursacher denn als Opfer sehen würde, mit dem man solidarisch sein sollte. Das Opfer der Piusbrüder sind Sie selbst und was -- halten zu Gnaden! -- noch wichtiger ist: die Lehre der Kirche, für die Sie eingestanden sind.

      b.) Durch das Schisma haben sie das zahlenmäßige Gewicht der Vertreter ihrer Thesen geschwächt. Die Kirche ist zwar keine Demokratie, dennoch ist es evident, daß eine größere Gruppe von Gläubigen sowohl im Diskurs als auch bei denen, auf die es ankommt, mehr Gehör findet als eine kleinere. Schon das erste Schisma der Piusbrüder war ein dreifaches: Mit der Bischofsweihe haben sie die Kirche gespalten, sie haben den zumindest nominell nichtsedisvakantistischen Traditionalismus in eine inner- und eine außerkirchliche Gruppe gespalten, und ebenso haben sie auch die Lefebvrebewegung gespalten, denn die Abtrennung derjenigen, die später die Petrusbruderschaft gründeten, war abzusehen. Auch später hat sich die Piusbruderschaft selbst weiter aufgespalten, berühmtestes Beispiel ist Bischof Williamson mit seiner Blase.

      So folgen auf ein Schisma stets weitere Schismen, und das kann man beinahe schon als historische Gesetzmäßigkeit sehen; da verhält sich das Schisma der Piusbruderschaft nicht anders als etwa das Schisma der Byzantiner oder der Protestanten.

      Ein Haus, das nicht auf den Felsen gebaut ist, fängt schnell an zu bröckeln; nur der Bau der Kirche Petri steht auf festem Grund. Dennoch fehlt ihm zur Vollendung jeder lebendige Stein, den man aus ihm herausbricht.

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    3. Das bezieht sich natürlich auf den Beitrag Gerd Frankens; Theodors Antwort kam, während ich schrieb.

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    4. In der Tat ist das die historische Wahrheit: Schisma gebiert Schismen.

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  2. >>Ja, man erlebt viele sehr unangenehme Dinge. Aber wenn ich mit meinem Italiener unzufrieden bin, suche ich mir als Alternative ja nicht denjenigen aus, von dem ich weiß, dass er für die Mafia Geld wäscht.Und so gut sind die theologischen Pizzen bei der FSSPX dann auch wieder nicht.<<

    Mir persönlich ist es egal, von wem die Irrlehre kommt. Ob von den Piussen oder von unserm katholischen Pfarrer. Unangenehm ist beides. Soll ich mir jetzt die Pizza selber machen? Das ist nicht polemisch gemeint, sondern eine echte Sorge.

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    1. Ich glaube, dass man sich in der katholischen Kirche seine Pizza nach wie vor nicht selbst machen muss. Wenn man am Sonntag eine Messe mitfeiern möchte, in der orthodox zelebriert und möglichst auch gepredigt wird, dann kann das in manchen Regionen etwas beschwerlich werden. Und wenn es mal nicht klappt, habe ich den folgenden Ratschlag eines älteren Beichtvaters parat: "Sie leiden nicht und Ihnen geschieht kein Unrecht. Denken Sie an den Herrn, der hat noch ganz anderes erleiden müssen". Etwas grob, aber mir hat das immer mal wieder geholfen.

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    2. Ein hiesiger Priester rät mir zu solchen Situationen (oder auch in kleineren, etwa wenn die Kommunionhelferin mal wieder auf der Evangelienseite "wildert") immer, sie als kleine Opfer für Priesterberufungen, für die Bekehrung Berlins usw. vor Gott zu tragen. Das funktioniert, wenn man sich nur persönlich ärgert, genausogut wie wenn man sich um die Kirche sorgt.

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  3. Danke für die wirklich guten Ratschläge.

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  4. Es tut mir wirklich sehr leid, aber ich habe bisher keinen wirklichen katholischen Kirchen in Deutschland gefunden - außer eben die der Piusbruderschaft und der Petrusbruderschaft. Auch wenn erste sich nicht wirklich Rom unterordnet, nehme ich doch lieber an der dortigen unerlaubten (aber dennoch gültigen) Sakramentenspendung teil, da die "Restkirchen" in Deutschland mit ihren Kirmesveranstaltungen und ökumenischen Kindergeburtstagen dann doch eher einer DSDS-Show in nichts nahe stehen. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass es sinnvoller ist, zu Adventisten, Baptisten o.a. in die Kirche zu gehen, da hier frommere Menschen sitzen als in den katholischen "Regelkirchen" Deutschlands. Und das liegt NICHT NUR am neuen Ritus, sondern am Schlendrian und dem Zeitgeistfetischismus!

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