Sonntag, 9. November 2014

Der Geistbraus und das engelsgleiche Stroh

Der engelsgleiche Lehrer mit zwei Heiden
Nach einer beruflich bedingten Unterbrechung möchte ich den kleinen Disput mit dem Kollegen Geistbraus weiterführen und vielleicht auch zu einem Ende bringen. Beim Lesen des letzten Beitrags von Martin Grannenfeld dachte ich zunächst: "Prima, jetzt können wir die Angelegenheit nach Art eines katholischen Herrenabends befrieden". Diese Methode geht so: Man streitet sich ganz furchtbar, verrennt sich in die aussichtslosesten Kontroversen und gegen Ende sagt dann einer der beiden: "Siehst Du mein Lieber, das ist ein typisch platonisches Argument. Du weißt, ich bin Aristoteliker". Welchen Ball der andere dann aufnimmt: "Ja, so ist das wohl und das erklärt natürlich auch, warum wir in so vielen Dingen anderer Meinung sind. Aber das ändert ja nichts daran, dass wir beide gutkatholisch sind. Hast Du noch ein Glas von diesem wirklich feinen Burgunder?"



Nach Abschluss der Lektüre war mir dann freilich klar, dass der Geist in seinem Braus diesen edlen Friedensweg nicht wirklich beschreiten will. Denn dazu gehört natürlich, dass man das jeweils andere Lager (wie im berühmten Gnadenstreit) nicht "exkommunizieren" darf. So bleibt mir nur wieder - mittlerweile um mehrere Tage gealtert und gereift und daher mit weniger Schaum vor dem Mund - die Rolle, meine Sicht darzulegen und meine Freunde zu verteidigen.

Es scheint mittlerweile Einigkeit darüber zu bestehen, dass bei Gott die Dinge ihre Ordnung haben. Geistbraus unterstellt nun dem hl. Thomas, er meine auf diese Ordnung quasi "von oben draufhauen" zu können. Das wäre in der Tat eine Form des "eritis sicut Deus", aber natürlich hält dieser Vorwurf der genaueren Betrachtung nicht Stand. Es ist ja der hl. Thomas, der an seinem Lebensende den Stift zur Seite legt mit den Worten: "Ich kann nicht mehr, denn alles, was ich geschrieben habe, scheint mir wie Stroh zu sein im Vergleich mit dem, was ich gesehen habe und was mir offenbart worden ist". Klingt so jemand, der meint, er schaue mit seiner Philosophie und Theologie "von oben" auf Gottes Schöpfung und Ordnung? Ein anderes Zitat: "Was immer ein endliches Wesen begreift, ist endlich". Genügt das?

Ein großes Problem scheint darin zu bestehen, dass ich - das Beispiel war ja mit einigem Bedacht gewählt - die Rheinfahrt Benedikts als "akzidentell" bezeichnet habe. Mir ist es relativ egal, was Platon zu meinem Beispiel gesagt hätte, wenn ein Mitchrist und -katholik nicht versteht, dass - bezüglich der Frage, was Aufgabe der Kirche ist (!) - die Feier des Altarsakramentes wichtiger ist als besagte Rheinfahrt (und damit die Aufrechterhaltung mittelalterlicher Ausdrucksformen von Herrschaft), dem kann ich einfach mit Argumenten nicht mehr helfen. Bei jemandem, der sich schon öffentlich über die Neigung bestimmter Institute zu übertriebenem Gebrauch klerikaler Kleindung geäußert hat, der in solchen Kleiderfragen also zwischen wesentlich und unwesentlich, (in Bezug auf das Wesen priesterlicher und liturgischer Kleidung) substantiell und akzidentell sehr wohl unterscheidet, liegt der Eindruck nahe, dass er an dieser Stelle vielleicht einfach nicht verstehen will.

Wäre da noch die "Geschichtsmetaphysik". Zunächst ein "mea culpa": ich hatte das "wahrscheinlich" in meinem Furor tatsächlich übersehen und muss mich daher für meine Formulierungen (vor allem für den "Klein-Martin") entschuldigen. Das ändert aber nichts daran, dass die besagte Herleitung (Schisma -> Petrusbruderschaft -> Summorum Pontificum) schlicht an den historischen Tatsachen vorbei geht. Ich werde hierzu, der Geschichte des Lefebvrianischen Schismas, mal einen eigenen Beitrag schreiben, um den gröbsten herumgeisternden Irrtümern entgegenzuwirken.

Mit einer Frage bin ich zu keinem Ende gekommen: Verstößt es gegen die Form oder den Inhalt unseres katholischen Glaubens, einen heiligen Kirchenlehrer (engelsgleich nennet ihn die mater et magistra gewohnheitsmäßig) als einen von Heiden und Muselmanen verführten, die Kirche schwer geschädigt habenden, fetten Dominikaner zu bezeichnen. Vielleicht kann mir in dieser Frage jemand helfen?


Kommentare:

  1. Vielleicht hilft das ja weiter:
    "Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein."

    Allerdings kann ich nicht beurteilen ob und wann der fette Dominikaner gottlos gewesen ist.

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  2. "Vielleicht kann mir in dieser Frage jemand helfen?"

    Gerne! Sowohl als auch!

    Es scheint, dass die Bezeichnung des Doctor communis »als einen von Heiden und Muselmanen verführten, die Kirche schwer geschädigt habenden, fetten Dominikaner« weder gegen die Form, noch gegen den Inhalt verstößt.

    1. Jeder nämlich, der verführt worden ist, folgt falschen Worten. Heiden und Muselmanen aber sind Ungläubige, und im Brief an die Epheser (5,6) heißt es: »Lasst euch nicht durch falsche Worte verführen, denn es wird der Zorn Gottes über die Ungläubigen kommen.« Also können wir sagen, dass Thomas von den Heiden und Muselmanen verführt worden ist.

    2. Es wird von einer Schädigung gesprochen, wenn Zustehendes genommen oder nicht gegeben wird. Zustehendes zu nehmen aber wird Raub genannt. Wie durch Kolosser 2,8 erhellt, findet Beraubung durch Philosophie statt. Thomas aber ist Philosoph. Folglich hat Thomas die Kirche geschädigt.
    3. Von Thomas wird gesagt, dass ihn seine Brüder aufgrund seiner Körpermasse nach seinem Tode nicht die Treppe heruntertragen konnten. Und niemand bezweifelt die Angehörigkeit des engelsgleichen Lehrers zum Orden der Prediger. Also ist Thomas ein fetter Dominikaner.


    Aber dagegen: Es steht geschrieben »alle Söhne der Kirche sollen Verehrer des hl. Thomas sein. « (Pius XI., Studiorum ducem) Der Akt der Verehrung aber ist ein zweifacher, nämlich ein innerer und ein äußerer. Das erste und grundlegende Element ist der innere Willensakt des vernunftbegabten Geschöpfes. Das zweite Element jedoch ist die äußere Bekundung der inneren Haltung, und dies wird die Form der Verehrung genannt. Diese ist aufgrund der Menschennatur vonnöten. Ohne den inneren Akt aber, der auch als Inhalt bezeichnet wird, kann nicht »im Geist und in der Wahrheit« verehrt werden, wie die Schrift lehrt (Joh 4, 23).

    Zu 1: Die Folge dieses Satzes des hl. Apostels setzt die Ursache voraus, dieselbe aber sind die »falschen Worte«. Der gleiche Apostel will damit nicht sagen, dass alle Worte der Ungläubigen falsch sind, wie er selbst in Röm 2,14 beweist. Und Augustinus schreibt im 2. Buch Über die Trinität, dass das Wahre der Philosophie für unseren Gebrauch beansprucht werden soll. Und Pius XI. lehrt, dass die Lehre des Aquinaten nicht subjektiv und künstlich, sondern objektiv und natürlich, also wahr ist. Also folgt Thomas nicht falschen Worten, und somit ergibt sich, dass er nicht verführt worden ist.

    Zu 2: Wie in Aeterni Patris zu lesen ist, mehrte Thomas die Lehren der hl. Lehrer. Wer aber etwas hinzufügt, wo etwas nicht ist, so wid dieser nicht ein Räuber und der Akt nicht Schädigung genannt, sondern ein Schenkender und eine Schenkung oder Vermehrung. Ergo. Auch lehrt die Kirche, dass der Gebrauch der Vernunft, welcher die Methode der Philosophie ist, zur Wahrheit und zum Glauben führen kann, und somit ergibt sich dasselbe wie zuvor.

    Zu 3: Leo XIII. lehrt, der hl. Thomas gelte »mit Fug und Recht als einzigartiger Schutz und Zierde der katholischen Kirche« (Aeterni Patris). Die Fettleibigkeit aber gilt nicht als Zierde. Demnach kann der Lehrer nicht fett genannt werden.

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    1. Verehrter Tarquinius, ich ziehe mich hiermit aus dem Geschäft der Verteidigung des hl. Thomas offiziell zurück. Sie können das einfach in jeder Hinsicht besser.

      Ihr Ad 3 gehört zum besten, was ich in den letzten Monaten gelesen habe ;-)

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    2. Vielen Dank, aber ich bitte doch sehr darum, sich keinesfalls aus dem Geschäft zurückzuziehen. Ich bin mir sicher, Sie kennen den hl. Thomas wesentlich besser als ich, und wenn gilt, dass der beste Kommentator des hl. Thomas er selbst ist, so muss bestimmt auch gelten, dass er sein bester Verteidiger ist.

      Also, weitermachen! ;-)

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