Sonntag, 16. November 2014

Tradition und Rebellion in der Kirche

Die Kirche: leidend - streitend - triumphierend
- aber niemals rebellierend
"Die Überwinterung der Tradition" und "Die Dialektik von Für und Wider vor dem Höchsten" - diese beiden Prinzipien oder sagen wir besser: Motive hat Geistbraus in seinem letzten Beitrag zu unserer Diskussion (die von einigen Zartbesaiteten als "Wirtshausrauferei" karikiert worden ist) in Anschlag gebracht, um in der Frage der Einordnung des Lefebvre-Schismas der "kategorialen Enge" zu entfliehen, in der mir nichts entgegenzuhalten können meint und für die er mich gleichzeitig bedauert, da sie "teuflisch" sei, also nicht von Gott.

Trotz meines verengten Horizontes und meiner kategorialen Beschränktheit gefallen mir diese beiden Motive außerordentlich gut. Das erste ist mythischer Natur: ein unsterbliches Gut (das Kaisertum, die "Heilige Tradition" des Christentums) versinkt in den Wellen der Geschichte und nur esoterisches Schrifttum oder eine kleine Gruppe Getreuer bewahrt das Wissen um dieses Gut, rettet es über die Zeit und hütet es bis zum Tage seiner (wirklichen oder nur möglichen?) Auferstehung.


Mythen haben Kraft - nicht umsonst schmückt des Geistbraus Beitrag die Krone des Heiligen Römischen Reiches. Ein Philister, dem beim Anblick dieser Krone nicht ein Schauer über den Rücken läuft. Wer wollte, wenn unter Menschen, die sich in der einen oder anderen Form als "Traditionalisten" verstehen, solche mythologischen Kräfte beschworen werden, bei seinen engen Kategorien von "Schisma", "Rechtsbruch", etc. bleiben? Wer zitiert den Codex Iuris Canonici oder ein trockenes neuscholastisches Handbuch der Dogmatik, wenn auf der anderen Seite der Kyffhäuser dräut?

Aber welcher Art ist eigentlich die Kraft solcher Mythen? Ist es die Kraft der Wahrheit oder diejenige der Suggestion? Für den Christen kann die Antwort auf diese Frage nur bei Christus selbst liegen. Lehrt er die Menschen, indem er ihnen Mythen erzählt? Nein, er tut das nicht. Er unterweist die Menschen, indem er ihnen Gleichnisse erzählt und diese Gleichnisse sind keine Mythen für esoterische Gruppen, sondern Geschichten aus dem Alltag, deren Kraft darin besteht, dass sie den Kleinen die Wahrheit offenbaren. Das ist überhaupt das Schlüsselwort: Christus offenbart sich, er legt sich (den Weg, die Wahrheit und das Leben) offen. Seine Tat, DIE TAT der Weltgeschichte, geschieht "erhöht" auf einem Hügel und an einem Kreuz. Und seinen Aposteln und Jüngern war es überaus wichtig, dass ihr Glaube nicht auf einem Mythos, sondern auf realer Geschichte beruht.

Das Problem bei der mythologischen Interpretation der "Heiligen Tradition" liegt darin, dass sie von der Kirche abgetrennt und unterschieden gedacht wird. Das jedoch geht nicht, zumindest nicht "katholisch". Die Kirche ist die Tradition und die Tradition ist die Kirche und zwar die konkrete Kirche, von der unser Glaube sagt, dass sie in gewisser Weise der durch die Geschichte gehende Herr selbst ist. Christus hat sich inkarniert und auch die sich legitimerweise auf ihn berufende Tradition ist inkarniert, ganz real. So real, dass Pius IX. sagen konnte: "la traditione sono io" ("die Tradition, das bin ich") ohne den Bogen völlig zu überspannen. Es kann historische Fragmente dieser Tradition geben, die manches ehrwürdige an sich haben (Riten z.B., die sich in anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften erhalten haben), aber insofern sie nicht mehr im Strom der lebendigen Tradition der einen Kirche unseres Herrn und Erlösers schwimmen, sind sie nichts anders als die Ruinen griechischer Tempel. Ehrwürdig, beeindruckend bis zum Erschaudern für den dafür Empfindsamen - aber letztlich Asche, nicht das Feuer.

Man mache sich nichts vor: die "Heilige Tradition" hat auch ihre Gefährdungen. Wenn man sie abtrennt von der lebendigen Kirche des Herrn, wenn sie keine Rebe mehr ist am Weinstock, dann kann sie nicht nur zum Mythos werden, sondern zum Fetisch. Dann ergötzt man sich an ihr und am esoterischen Modus ihres Besitzes - aber es ist nichts Reales mehr, sondern letztlich nur ein Gemächte unserer Einbildung. Dann dient nicht mehr der "glückliche und freie Mensch Christus", sondern er opfert dem, was Robert Spaemann einmal eine "virtuelle Wichsvorlage" genannt hat.

Kann es das also gar nicht geben: eine legitime Existenz in der Exkommunikation? Damit sind wir beim zweiten Motiv des Geistbraus. Er nennt es die "Dialektik des Für und Wider vor dem Höchsten".

Dass das Christentum - zumal der Katholizismus - eine zutiefst dialektische Religion ist und dass es gerade diese Eigenschaft ist, die es den Menschen unserer Zeit so schwer macht, ihm zu folgen, scheint mir auf der Hand zu liegen. Glücklich werden, ohne das Glück direkt anzustreben; Genuss durch Verzicht; Erlösung und Seligkeit durch das Kreuz; der "Bevor Abraham war, bin ich" unter der Gestalt einer Hostie aus Brot - dialektische Zumutungen über Zumutungen, die dem modernen / postmodernen Menschen in seiner intellektuellen Einbahnstraße nicht mehr eingehen wollen.

Aber auch die Dialektik vermag sich nicht aus sich selbst heraus zu rechtfertigen - sie muss als wirklich christliche erwiesen werden.

Die vom Geistbraus herangezogenen Beispiele aus der "Welt" (Berlichingen kämpft gegen den Kaiser für den Kaiser, Kohlhaas für das Recht, indem er sich "ins Unrecht setzt") tragen da nicht viel aus. Leider auch nicht das Exempel der "Action Française", handelt es sich dabei doch um die Instrumentalisierung des "Papsttums" für politische Zwecke (Charles Maurras, ihr Anführer, bezeichnete sich selbst als Atheisten). Die Verurteilung durch Pius X. war also kein bisschen dialektisch, sondern ganz und gar "straight forward".

Die Dialektik der Kirche ist wohl eine andere. Sie ist ganz aus und auf Menschen gebaut - und doch der mystische Leib Christi. In ihr gibt es Meinungsverschiedenheiten und Streit - und doch ist sie die "una sancta". Ihre Bischöfe taugen manchmal nicht viel - und doch ist sie die "apostolica". Auch der Modus des "es nicht mehr in der Kirche aushalten" kann entsprechend nur dialektisch das "in der Kirche verharren" sein. Wie schreibt der Geistbraus: "Es geht um Christus". Ganz genau! Und deshalb kann es nie richtig sein, ein Glied von seinem Leib zu trennen, wenn es nicht verfault ist und der Arzt (die einzig dazu legitimierte Autorität) zur Tat schreiten muss.

Was aber, wenn die Kirche selbst einen Menschen fälschlicherweise aus ihren Reihen weist? Um nicht wieder durch den Rekurs auf einen "fetten Dominikaner" zu provozieren, empfehle ich diesmal einen waschechten (Neu-)Platoniker, der diese Frage weit vor der Verderbnis der Kirche durch den "muselmanen Aristotelelismus" für uns geklärt hat (Augustinus, De vera religione, VI/11):
"Häufig lässt es die göttliche Vorsehung auch zu, daß bei stürmischen, durch fleischliche Menschen verursachten Wirren auch gute Männer aus der christlichen Gemeinschaft ausgestoßen werden. Diese aber tragen die Schmach und das Unrecht um des kirchlichen Friedens willen mit größter Geduld, bringen keine neue Spaltung und Ketzerei auf ("vel schismatis vel heresis") und geben dadurch den Leuten ein Vorbild, mit welch herzlicher und lauterer Liebe man Gott dienen soll. [...] sie verteidigen bis zum Tode und stützen durch ihr Zeugnis ohne jede Konventikelbildung den Glauben, der in der katholischen Kirche verkündet wird. Diese krönt im Verborgenen der Vater, der ins Verborgene sieht".
Die katholische Dialektik ist also nicht diejenige der Rebellion (es gab in der Heilsgeschichte nur eine Rebellion!), sondern diejenige des Ausharrens in der Kirche; auch dann, wenn diese - vielleicht bis hin zur höchsten Autorität - sich ein Stück weit selbst vergisst. Im konkreten Einzelschicksal kann diese katholische Dialektik - mit weltlichen Augen betrachtet - die Form einer Tragödie annehmen. Der alle Tränen trocknet wird solche Dramen zu einem guten Ende bringen.

"Mit Christus gegen die Kirche rebellieren" ist also keine Dialektik - es ist nur eine contradictio in adjecto. Womit wir endlich wieder in der wohltuenden Enge der Kategorien und der Logik angekommen wären.

Kommentare:

  1. Zartbesaitet? Och, eine Wirtshausschlägeri hat ihren Charme, postlebendiges theologisches Zimztickengeziere dagegen... Pickel, Konventikel...

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    1. Och, ich finde ein kleines "postlebendiges" Argument zwischen ein paar Schlägen eigentlich hilfreich - fehlt mir bei Ihrem Kommentar irgendwie ...

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  2. also, also, lieber Theodor, was unterstellen Sie mir da schon wieder!

    "Verteufelt" hab ich gesagt, nicht "teuflisch"! Und "verteufelt" ist, wie man z.B. hier nachlesen kann, ein Synonym für "außerordentlich", "sehr".

    Zu allem anderen, wie es Brauch ist, demnächst auf meinen Seiten...

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    1. Ach ja, was wäre Mutter Kirche ohne ihre schönen Bräuche :-)

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