Mittwoch, 1. Juni 2011

Der Papst und ... Theodor

Da ich davon ausgehen muss, dass das Erzbistum Freiburg mich nicht um einen Beitrag zur Reihe "Der Papst und ich" bitten wird (siehe hier), mir die Idee aber sehr gut gefällt, schreite ich hier einfach mal ganz unaufgefordert zur Tat:

Mitte/Ende der Neunziger Jahre, Regensburg, Studentenwohnheim der Passionisten

Im Rahmen der Arbeit an meiner Dissertation hätte ich zu gerne einmal mit Kardinal Ratzinger gesprochen - aber wie? Ein guter Freund gibt mir den entscheidenden Tipp: der Präfekt der Glaubenskongregation verbringt seinen Urlaub im Haus seiner Eltern bei Regensburg und liest in dieser Zeit jeden Morgen die Messe in der Kapelle eines in der Nähe gelegenen Studentenwohnheims. Anschließend bleibt er dort zum Frühstück und wenn man den Pater Heimleiter nett fragt, dann ... Ein kurzer Anruf - und einige Wochen später nehme ich morgens an besagter Messe teil, die denkbar schlicht und 100% "konziliar" abläuft: 2. Hochgebet, der Heimleiter konzelebriert. Bei der Kommunion dann ein fast traumatisches Erlebnis: der Präfekt drückt mir die Hostie routiniert in die eigentlich geschlossenen Hände und ich bin so verdattert, dass ich mich nicht wehren kann - die erste und einzige Handkommunion seit vielen Jahren (und bis heute).

Anschließend Frühstück unter zunächst sechs, dann vier Augen. Nachdem ich meine wissenschaftlichen Fragen besprochen habe, unterhalten wir uns über dieses und jenes. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass der Kardinal aus dem fernen Rom die deutsche akademische Landschaft bis ins dritte Glied kennt: Namen, Veröffentlichungen, Karriereschritte - Kürschners Deutscher Gelehrtenkalender ist nichts dagegen! Über einen Professor der Münchner Theologischen Fakultät erkundigt er sich ziemlich ausführlich - einige Jahre später wird er Bischof von Regensburg. Ein Satz zur Kirchenpolitik ist mir in Erinnerung geblieben: "Ach ja, München. Wissen Sie, wir sind ja schon froh, wenn unsere Briefe den Hochwürdigsten Herrn Kardinal überhaupt persönlich erreichen ..." - uups!

Mein Gesamteindruck: ein bescheidener, zurückhaltender, fast schüchterner Mann, der mit dem landläufigen Zerrbild des Großinquisitors rein gar nichts zu tun hat. Besonders angenehm ist der feine Humor, der nur ganz gelegentlich einen leichten Zug ins Spöttische hat.

Ein Jahr später wiederholt sich das Ganze. Ein schönes Gefühl: same procedure as last year - nur bei der Kommunion bin ich diesmal auf der Hut ;-)

19. April 2005, Dortmund, ein Hotelzimmer

Nach gewissen Anzeichen im Autoradio schalte ich im Hotel sofort den Fernseher ein und komme gerade rechtzeitig:
Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Josephum (Gänsehaut - kann das sein???), Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Ratzzzinger (Wahnsinn!), qui sibi nomen imposuit Benedictum XVI. (geht im Jubel unter)
Nach einigen Stunden weicht die "Wir sind Papst"-Begeisterung (und auch das eitle "Ich habe mit dem Papst gefrühstückt"-Gefühl) einer gewissen Nachdenklichkeit. Sein Vorgänger (MEIN Papst Johannes Paul) hat riesengroße Schuhe zurückgelassen - wie wird Benedikt XVI. darin wohl laufen können? Wie werden vor allem jüngere Menschen mit dem Kontrast umgehen können; hier der charismatische Karol Wojtila, der mit dem Amt und seinen Insignien so souverän, ja fast lässig umgegangen ist - und dort nun der schüchterne, fast etwas linkisch wirkende Professor aus Deutschland. Schon wenige Tage später bei der Amtseinführung die erste "Entwarnung" - auch dieser Papst weiss, wie man das Herz der Menschen erreicht: "Habt keine Angst vor Christus! Er nimmt nichts und er gibt alles." Spätestens beim Weltjugendtag in Köln wird es dann ganz deutlich; Benedikt XVI. hat seine ganz eigene Art, gerade auch die jungen Menschen anzusprechen.

10. September 2006, München-Riem

Wir sind mitten in der Nacht aufgestanden, auf langen Wegen zum alten Flughafengelände gelaufen, stehen nun in der Menschenmenge und warten auf die Ankunft des Papstes. Als das weiße Papamobil vorbeifährt, bin ich sehr berührt - dem Gefühl, dass der Mann in der weißen Soutane "einer von uns" ist, kann man sich nur schwer entziehen. Nur das "Benedetto"-Geschrei der Ministrantengruppe neben uns geht mir ein wenig auf die Nerven - zumal die Jungs dann später während der Messe ziemlich unbeteiligt ihre Wurstbrote vertilgen. Der "Papst aus Bayern" hat in den knapp eineinhalb Jahren seit seiner Wahl seinen eigenen Stil entwickelt; vieles zwei Nummern kleiner als bei seinem Vorgänger - aber echt. Ich kann gut damit leben.

Das Pontifikat von Josef Ratzinger war und ist mit vielen Erwartungen verbunden - gerade bei traditionsverbundenen Katholiken, gerade in Deutschland. Das galt und gilt auch für mich. Und so habe ich in den ersten Jahren die eine oder andere "Maßnahme" und "Klärung" erhofft und war ein wenig enttäuscht, wenn sich "nichts getan hat". Es hat ein wenig gedauert, bis mir klar geworden ist, dass Benedikt XVI. trotz seines fortgeschrittenen Alters in vielem "auf Zeit spielt". Er will überzeugen und das geht nun einmal nicht mit der Brechstange.

Mittlerweile bin ich einfach nur froh und glücklich, dass im Vatikan ein so bescheidener und kluger Mann regiert, der weise genug ist, die Welt und die Kirche nicht im Hauruck-Verfahren ändern zu wollen. Der sich seine Kräfte einteilt und alles, was darüber hinaus liegt, dem Herrgott überlässt. Der, wo er geht und steht, das Evangelium auslegt, weil nur aus der Erneuerung des Glaubens eine neue Lebendigkeit der Kirche entstehen kann. Und so lässt sich das Verhältnis "Der Papst und Theodor" auf eine einfache Formel bringen:

Ad multos annos, Papa Benedetto!

Kommentare:

  1. Ja, schade eigentlich: die Einladung des Sendezeit-Blogs war an die katholischen Blogger gerichtet: http://sende-zeit.de/2011/05/04/der-papst-und-ich-einladung-an-die-blogoezese/
    Unter den Blogs herrscht naturgemäß eine große Verschiedenheit der Sichtweisen, was ja auch einen Teil des Reizes dieses Mediums ausmacht.

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  2. Ich habe eine Frage, und zwar zur Gnade - hab ich das richtig verstanden?

    http://recognoscere.wordpress.com/2011/06/01/warum-hat-mir-das-keiner-gesagt/

    Templarii - recognoscere.wordpress.com

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  3. Die Einladung, einen Gastbeitrag für das Blog Sende-Zeit zu schreiben, galt tatsächlich allen katholischen Bloggerinnen und Bloggern, also auch Ihnen! Wenn Sie Ihren Text auch auf unserem Blog publizieren möchten, mailen Sie doch bitte an: medienpastoral@seelsorgeamt-freiburg.de
    Gruß aus Freiburg
    Norbert Kebekus

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