Donnerstag, 9. Juni 2011

Karl Rahner und der Zölibat

Scipio hat einen sehr schönen Text von Karl Rahner gepostet. Ich möchte mich dafür mit einem weiteren Rahner-Zitat revanchieren. Es steht in einem "Offenen Brief an einen Mitbruder" aus den späten 60er Jahren:
Auch mich quält bis zur Verzweiflung die Lebensnot vieler Priester, aber sie kann mich darum allein nicht von meiner letzten Haltung abbringen, eben weil sie zum Leben gehört. Das Leben ist eine unbegreifliche Sache; fast jeder Beruf wird zur harten Pflicht, tapfer in der Routine des Alltags auszuhalten; alles wird unaufhaltsam vom Staub des Alltags bedeckt; Ehen veröden oder endigen im Ehebruch; man hat Krebs; man stirbt - bis zum elenden Tod in den Drecklöchern Vietnams. 
Und da kommen die Anwälte für eine Freigabe des Zölibats und tun so, als ob diese die Tore des Paradieses öffnen würde für die armen Geistlichen, die nur von einem antiquierten Kirchengesetz widernatürlich an ihrem Glück und an der Entfaltung ihrer "Persönlichkeit" gehindert werden. Welche Simplifizierung! Natürlich gibt es genügend Kleriker, die aus dem Zölibat Lieblosigkeit, Philistertum, Egoismus und weiß Gott welche anderen Laster machen, die viel schlimmer sind oder sein können als alle bittere Lust des " Fleisches", mit der sich ein im Grunde Verzweifelter ein wenig zu trösten versucht. Aber was beweist das? Sind nicht alle wirklich großen Dinge selten, immer die noch unerfüllte Aufgabe? Ist es in der Ehe anders? Müssen wir nicht, so gerecht gemessen werden soll, einen in der Kraft der Entscheidung aus Gnade geglückten Zölibat mit einer geglückten Ehe vergleichen und eine alltäglich gewordene Ehe, die in eintöniger Ode versandet, mit dem Zölibat, wie er nur zu oft gelebt wird? Woher weiß einer so ganz sicher, dass ein Priester in der Ehe mehr an Menschlichkeit fertig brächte, wenn er in seinem Zölibat versagt? 
Wie mir das ständige Geschrei nach "Glück" zuwider ist, dieses Sichselbstbemitleiden, die kurzsichtige Meinung, es gäbe hier in dieser Welt ein anderes "Glück" als innerhalb der gelassenen Geduld darüber, dass jede Symphonie unvollendet bleibt! Auch und gerade die "glückliche" Ehe ruht auf den gegenseitig verschwiegenen Fundamenten der Einsamkeit und des Verzichtes. Wer seinen Zölibat zur Tat der selbstlosen Liebe macht - und das ist in Gottes erlösender Gnade möglich -, der ist ebenso glücklich, wie man es in der Ehe sein kann, der findet jene "vollkommene Freude", die der hat, der gelassen zu weinen versteht.
Allen Memorandisti zur Meditation ganz herzlich empfohlen ...

Kommentare:

  1. thx.... gerade Rahner erweist sich ja zur zeit geradezu als Fundgrube für eine qualitativ enomrm steigende Diskussionsebene

    AntwortenLöschen
  2. Auch von mir einen herzlichen Dank fürs Auffinden und Posten. Habs meinen Lesern gleich präsentiert.

    AntwortenLöschen